Zwei alte Meister

- Am Ende ist man irritiert. Darf das einfach aufhören - kann das überhaupt aufhören? Dieses ruhig und stetig wogende Meer an Worten, Satz-Wiederholungen, an Episoden und Abschweifungen, an "sagt Reger" oder "Bordone-Saal-Sitzbank", an Beschimpfungs-Tiraden und Lamentationes, an Weis- und Bosheiten, an Klugem und Blödsinn sollte nie stillstehen. Eine Lebens-Unendlichkeit umspült den Hörer, wenn er sich von Thomas Holtzmann "Alte Meister" des großen Dichters Thomas Bernhard vortragen lässt.

Zwei alte Meister treffen aufeinander - wie für einander geschaffen. Und wer sich bei der Lektüre plagen musste, das Bernhard-Meer zu durchpflügen, wird von dem Schauspieler jetzt mit feinster Ironie über die Wogen getragen. Dieser Hörgenuss birgt Suchtgefahr. Man möchte mehr, mehr, mehr.

1991 hatte der Südwestfunk (heute Südwestrundfunk) "Alte Meister" unter der Regie von Heinz Nesselrath produziert; nun ist der 430-Minüter beim Münchner Hörverlag erschienen, der bereits fünf "Bernhards" im Programm hat. Unter anderem ist der Schriftsteller selbst zu vernehmen - in "Ereignisse".

Ereignisse gibt es in "Alte Meister" kaum, auch wenn sich der 80-jährige Times-Musikkritiker Reger höchst ängstlich vor einer Frage an seinen Bekannten, den Privatgelehrten Atzbacher, zu drücken versucht. Die bis zum Schluss - als wär's ein Wahnsinns-Krimi - hinausgeschobene Pointe ist eine letzte Gemeinheit. Reger verlangt von Atzbacher angeblich Fürchterliches: den Besuch einer Burgtheater-Vorstellung . . . Diesem finalen Schlag gingen massenweise Rundumschläge voraus - gegen alles. Maler - schließlich treffen sich die Herren im Bordone-Saal von Wiens Kunsthistorischem Museum -, Komponisten, Dichter werden abgebürschtelt, Politiker und Lehrer sowieso, Burgenländer, Wiener, Touristen. Mode und Klos sind genauso Themen wie die "naturgemäß" miese Konzertszene. Und dann in dieser herrlich ungerechten Suada: der herzzerreißende Schmerz Regers, dem seine Frau gestorben ist und der weiterleben muss.

Thomas Bernhard: "Alte Meister. Komödie". Gelesen von Thomas Holtzmann (Der Hörverlag).

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