Mit zwei Atomkraftwerken reisen

Bayreuth - An einer Hand lassen sie sich abzählen, jene Sänger, die momentan dazu in der Lage sind, Wagners Wotan zu stemmen. Albert Dohmen, im "früheren Leben" Oboist, hat heuer bei den Bayreuther Festspielen im viel gescholtenen "Ring des Nibelungen" von Tankred Dorst jene zentrale Partie übernommen. Dohmen ist demnächst auch in München aktiv: im Dezember an der Staatsoper als "Freischütz"-Kaspar, 2008 als Holländer. Und 2010 ist er Christian Thielemanns konzertanter "Meistersinger"-Sachs bei den Philharmonikern.

Würden Sie sich gern mehr gefordert fühlen im Bayreuther "Ring"?

Man kann einem 82-jährigen Mann wie Tankred Dorst, vor dem ich einen Riesenrespekt habe, nicht den Vorwurf machen, keinen jungen, wilden "Ring" abzuliefern. Wenn man ihn engagiert, vollzieht man schon die Weichenstellung. Dass ihm die Erfahrung des Inszenierens fehlt, wussten doch alle. Dorst ist ein Mensch, für den das ruhende Element eben wichtiger ist als Hyperaktionismus.

Wie gehen Sie mit der in Bayreuth üblichen Spielfolge um?

Das ist schon hart. Am Tag nach "Rheingold" zu tun, als sei nichts passiert und einen "Walküren"-Wotan singen zu müssen, dann ein Tag Pause und sofort "Siegfried"-Wanderer, das ist eigentlich unzumutbar. Wenn man hier singen will, sollte man unglaublich Erfahrung haben. Bayreuth eignet sich dazu, Partien auszuprobieren.

Was machen Sie an den Pausentagen? Nichts?

Das wäre das Tollste. Aber ich habe zwei Atomkraftwerke dabei. Meine Kinder sind zehn und sieben Jahre alt, und bisher habe ich den Aus-Knopf noch nicht gefunden. Mein Kleiner übt seit ein paar Monaten Klavier und finden keinen Gefallen am Bassschlüssel. Auch so was ist am Vorstellungstag zu klären.

Sie gelten ja als heftiger Kritiker des deutschen Gesangswesens . . .

Da wäre wirklich einiges zu ändern. Dieser Selbstzweck, nur damit die Herren Professoren ihre Stundenpläne voll haben und massenweise arbeitslose Sänger produzieren, ist absurd. Wenn gerade die Opernsänger-Ausbildung von Leuten übernommen wird, die keine Erfahrung mit internationalen Standards haben und junge Sänger verbauen, dann ist das doch Wahnsinn.

Was hat Ihnen denn persönlich gefehlt?

Ich hatte eine private Ausbildung bei einer US-Sopranistin, was nicht funktionierte. Damals hatte ich eine Naturstimme ­ und nach ein paar Jahren Studium keinen Tonumfang mehr. Mich hat die Frau eines rumänischen Bassisten gerettet, die am Düsseldorfer Opernhaus Pianistin war. Sie sagte: "Albert, du klingst wie mein Mann vor 40 Jahren, du bist ein hoher Bass." Von da an hab' ich keinen Lehrer mehr aufgesucht. Ich habe mir alles autodidaktisch, etwa durch Eigenkontrolle mit Live-Mitschnitten, erschlossen. Jeder Sänger muss seine Probleme allein lösen können.

Besteht nicht die Gefahr, dass man sich dabei selbst betrügt?

Natürlich. Aber das kann auch bei Leuten passieren, die sich jahrzehntelang von einem Lehrer begleiten lassen, dauernd Applaus kassieren, aber trotzdem nicht weiterkommen. Man muss ein Kontrollsystem finden, das selbst bei den größten Emotionen auf der Bühne die rote Kelle hochhebt. Meine erste Platte war "Frau ohne Schatten" mit Solti. Was ich da erlebt habe, wie da manipuliert wurde, damit Kollegen ihre Partien hinkriegen, das fand ich abschreckend.

Das klingt nach Frust.

Das ist kein Frust, eher Trauer. Deshalb bin ich auch aus Deutschland weggegangen. Weil hier eine einzigartige Kulturlandschaft ins Wanken gerät. Unter anderem weil das Publikum nicht mehr in die Vorstellungen geht. Man kann einfach keine Scheinrealität hochschreiben, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat und leere Plätze produziert. Kunst um der Kritik willen, das kann's ja wohl nicht sein. Meine Haltung hat nichts mit radikalem Konservativismus zu tun, sondern mit Hochachtung vor der Kunst. Eine Aufführung muss einfach stimmig sein, das kann auch dank einer modernen Inszenierung passieren.

Ein typisch deutsches Problem?

Es hängt vielleicht mit dem Föderalismus zusammen und mit der Dichte an Opernhäusern. Jeder versucht, auf Biegen und Brechen was Neues anzubieten. Nur um zu legitmieren, dass man existiert. Die Häuser könnten sich untereinander viel mehr abstimmen, wenn ich etwa an Berlin denke. Man müsste auch mehr private Verantwortung heranziehen. Das amerikanische Sponsoren-System halte ich für zu extrem. Der Mittelweg müsste es sein. Es kann jedenfalls nicht angehen, dass man mit Steuergeldern die Spielwiesen öffnet und sagt: Tobt euch mal aus.

Bringt das gerade wiedererwachende Starwesen eine positive Änderung?

Also man muss sich schon fragen, ob die Werbemechanismen der massenwirksamen Popbranche wirklich auch bei der Klassik funktionieren. Wir sind nun mal 'ne Minderheitenkultur, was nichts mit Eliten zu tun hat. In Wiesbaden sind wir Opernleute damals in die Schulen gegangen. Warum sollte das nicht zur Pflicht werden? Einmal pro Woche sitzt eine Klasse in der Oper, schaut sich auch den Entstehungsprozess an. Es geht nicht ums Müssen bei den Kindern. Aber die Tür zur Klassik wird ja meist gar nicht mehr aufgemacht. Wie sollen die dann wählen können?

Ist es denn Italien, wo Sie leben, so viel besser?

Mein Wegzug nach Rom hatte natürlich auch familiäre Gründe, meine Frau ist Italienerin. Das Leben dort verändert aber die Einstellung zum Leben. In Sachen Oper ist das dort zum Teil letztes Jahrhundert. Den Italienern geht's nur um bella figura. "Weißt du, Alberto, du gehst in die Mitte, singst deine Arie. Willst du dann rechts oder links abgehen. Na, geh' einfach nach links."

Das Gespräch führte Markus Thiel

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