Die zwei Cousinen

- Keiner soll sagen, er habe es nicht geahnt. Die Musik schaffe die Grundlage für alles, so Kent Nagano im Staatsopern-Magazin. Und: "Es fällt mir schwer, Oper nur als Theater mit Musik zu begreifen." Die erste Premiere seiner Münchner Ära ließ also tief blicken. Auf seine Abneigung gegenüber avancierter Regie (künftige Produktionen werden sich wohl immer mit Naganos Namen verbinden, kaum je mit der szenischen Umsetzung). Und auf die Lust des Opernchefs, Tradition mit Moderne zu konfrontieren, auf dass das Alte neu gehört und erlebt werde.

Letzteres ist mit dem doppelten Paukenschlag von Wolfgang Rihms "Das Gehege" und Richard Strauss’ "Salome" mehr als gelungen. Rihms Uraufführung, eine Maßanfertigung fürs Orchester, für Gabriele Schnaut (Die Frau) und für Naganos Deutungsstil, ist die perfekte Ergänzung zu "Salome". Nicht nur, weil hier ein Komponist auf den Spuren eines Kollegen wandelt. Sondern auch, weil die Schauspielvorlage aus Botho Strauß’ "Schlusschor" -die hassliebende Begegnung mit einem unerreichbaren Gegenüber -mehr "Salome"-Motive enthält, als es Theatergängern wohl bislang aufgefallen war. "Die Frau" wäre demnach keine Schwester Salomes, mindestens aber ihre Cousine.

Helle Silberstrahlen des Staatsorchesters

Wolfgang Rihm und Richard Strauss hätten sich gewiss prächtig verstanden. Moden sind auch Rihm ein Graus. Ebenso ist er, das beweist "Das Gehege", ein versierter Orchester(be)diener, ein Klangfarbenkünstler mit Instinkt für Instrumentierungen, fürs Zitathafte, auch fürs Auffalten und Zuspitzen von Spannungsverläufen. Souverän managt er einen Riesenapparat inklusive Windmaschine, und doch strahlt diese Partitur etwas Filigranes, Feingliedriges aus und ein Kompositionsbewusstsein, das selbst den orchestralen Aufschrei in Kultiviertes kleidet. Eine musikalisch starke halbe Stunde also, in der Gabriele Schnaut vom hochdramatischen Ausbruch bis zur verzierten Linie alles abverlangt wurde -was sie imponierend bewältigte, dabei die Textvermittlung den Übertiteln überließ. Und auch für den Analytiker Nagano ist dies das rechte Partiturfutter. Schon jetzt, das ist ein fast verblüffendes Ergebnis dieses Operndoppels, klingt das Staatsorchester anders. Offener, wendiger, reaktionsstärker, in einzelne Klanggruppen genau getrennt, mehr heller Silberstrahl als güldene Edelkunst, fernab jedenfalls von jener luxuriösen Unverbindlichkeit à la Zubin Mehta. Denn auch in der "Salome" blieb nichts im Ungefähren. Nagano ließ das Kompositionsgerüst überdeutlich durchscheinen, lieferte Scharfkantiges, blieb dabei immer sängerfreundlich. Ereigneten sich Eruptionen im Graben, so ging dies nie auf Kosten der Stimme(n), ein Höreindruck, der an beste Sawallisch- Zeiten erinnerte. Gleichwohl birgt Naganos Interpretation auch ein Problem: Emotionen gibt es zwar, sie wirken jedoch immer penibel hergestellt.

Dort, wo Strauss zum Sämigen einlädt, blieb Nagano allenfalls auf Magerrahmstufe, verzettelte sich auch manchmal im Detail, anstatt sich dem Fluss der Musik hinzugeben. Beantwortet wurde all dies von der Bühne sowieso nicht. Hollywood-Regisseur William Friedkin ("Der Exorzist") bot im "Gehege" fast nur Konzertantes, beschränkte sich in der "Salome" auf biederes Nachbuchstabieren, das die Kühnheit dieses Wurfs ignoriert. Immerhin hatte Hans Schavernoch eine Bühne entworfen, deren Bausteine beide Stücke verklammerten, an der man sich auch -bedingt durch wunderbare Lichtwirkungen -nicht sattsehen mochte: im "Gehege" ein hoher Rahmen, bei Strauss eine Halle, deren Elemente sich effektvoll verschoben, manchmal auch wie schwebend im Raum standen. Eine weitere Verknüpfung: Jener Tänzer-Adler aus dem Rihm-Stück (Todd Ford) kehrte zu Salomes Tanz wieder, wurde damit zum Unheilsvogel, auch wenn dies bei Friedkin mehr Bebilderung als tief lotender Einfall war.

Dafür wurde es Angela Denokes großer Abend: Salome als kühle, kluge Schöne. Die Denoke gehört ja seit einiger Zeit zu den intensivsten Sängerdarstellerinnen. Und wenn ihr großes Potenzial von den Regisseuren kanalisiert wird, in Konwitschnys "Wozzeck" oder Marthalers "Katja Kabanova" etwa , gelingt Einzigartiges. Nicht unbedingt bei Friedkin, wo Denokes Darstellungswillen eher aktionistisch ins Leere lief. Fast schien es, als wollte sie auf Biegen und Brechen eine Regie retten, die sich zwischen Biedersinn, Operettenmunterkeit und polierter Konvention bewegte.

Stimmlich steht Angela Denoke, ihrem dunklen, genau konturierten, manchmal fast instrumentalen Sopran die erste Hälfte besser. Das Lyrische, Sublime, auch der leise Spott gelingt ihr, weniger die triumphierende Dramatik des Schlussmonologs: Wo andere die Stimme prachtvoll aufblühen lassen, wurden Verengungen und fehlende "Rücklagen" hörbar.

Dennoch in seiner Gesamtheit ein faszinierendes Rollenporträt. Wolfgang Schmidt packte in den Herodes seine Siegfried- Vergangenheit und manch boulevardesken Moment. Alan Titus (Jochanaan) war dazu verurteilt, an einer Mischung aus überdimensionalem Strandgut und Baumstamm zu verharren. Stimmlich lieferte er Gewichtiges, blieb aber zu neutral; die Indisposition der letzten Tage war ihm noch anzumerken. Und dass es zwischen der Titelheldin und dem Propheten knistern soll, blieb Friedkins müde Behauptung -ebenso die, bei aller Brust-Entblößung, krampfige "Erotik" von Salomes Tanz.

Das Ergebnis ist noch steigerungsfähig

Nikolai Shukoffs Narraboth weckte Hoffnungen auf seinen Parsifal, den er im April am selben Ort singen wird. Und mit Iris Vermillion stand keine keifende Herodias auf der Bühne, sondern eine Art Denver-Biest, dem man sofort abnahm: Diese zickige Dame hat vor wenigen Jahren, wie jetzt ihre Tochter, tanzend alles erreicht. Am Ende Ovationen für Kent Nagano, besonders aber für Angela Denoke. William Friedkin wurde freundlich aufgenommen. Zuerst die Musik, dann ihre theatrale Umsetzung -die Handschrift des neuen Opernchefs ist jedenfalls deutlich erkennbar. Und das Ergebnis durchaus noch steigerungsfähig.

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