Zwei Flügel im Liebesakt

- Es gäbe mehrere Gründe, mit der Eröffnungspremiere der Münchner Kammerspiele, mit der Inszenierung von William Shakespeares "Othello" durch Luk Perceval, nicht einverstanden zu sein. Erstens: die textliche Reduzierung auf das Vulgäre. Nun gut, wir befinden uns in diesem Stück unter Soldaten, dies könnte ihre Sprache sein. Aber ist sie das wirklich? Zweitens: das Fehlen jeglicher Erotik zwischen dem berühmten Paar und damit der Glaubwürdigkeit seiner Liebe wie seiner Tragödie. Drittens: das hochmütig verachtende und gleichsam schmuddelige Frauenbild einer sich am Primitiven erfreuenden Männerclique, dem sich hier alle Beteiligten ohne erkennbare Distanz ausliefern. Viertens: eine gewisse Langatmigkeit des Zweistunden-Abends; denn wo die Sprache platt und der Widerspruch in den Figuren eliminiert ist, wo es in ihnen nichts zu entdecken gibt, verliert sich bald das Interesse an ihnen.

<P>Ästhetik in Schwarz-Weiß</P><P>Und trotzdem: Diese erste Inszenierung im herrlich renovierten Schauspielhaus hat auch etwas Beglückendes. Nach dreijähriger Schließung hat sich das Theater die technisch bestens ausgestattete und vergrößerte Bühne _ über die Akustik wird wohl noch an anderer Stelle zu reden sein _ zurückerobert. Denn Percevals Inszenierung ist in ihrer Einfachheit streckenweise von bezwingender Theatralität.</P><P>Der "klassischen" Shakespeare-Übersetzung von Baudissin aus dem 19. Jahrhundert wollte der Regisseur zu Recht nicht trauen. Also beauftragten die Kammerspiele das Autoren-Duo Feridun Zaimoglu und Günter Senkel mit einer Neufassung, die dem "Vorurteil" des Regisseurs, seiner Lesart des Dramas, Rechnung trägt: wenig Kopf, viel Bauch. Was die Worte angeht: ein Fäkal- und Sexstück.</P><P>Doch diejenigen, die schon immer der Meinung waren, Verdis Oper ist das bessere Drama, dürften sich jetzt wieder einmal bestätigt fühlen. Denn in der Mitte der schwarzen, nur durch grelle Scheinwerfer punktuell und streifenweise in fahles Licht getauchten Bühne ließ Perceval zwei Flügel übereinander stellen. Wie einen Liebesakt. Zuunterst, auf dem Rücken, der weiße, darüber der schwarze. Starkes Symbol. Der Jazzmusiker Jens Thomas begleitet, interpretiert, ergänzt nicht nur Klavier spielend, sondern auch virtuos Geräusche singend das ganze Stück. Wenn in den Figuren die Emotionen besonders stark lodern, setzt er das in Musik um.<BR>Mit seiner Hilfe nun erzählt Perceval die allseits irgendwie jedem bekannte Geschichte vom schwarzen General, seiner weißen Desdemona, dem bösen Jago und einem Taschentuch. Und zwar in einer dem Tonfall der Gosse diametral entgegengesetzten, kühl-raffinierten Schwarz-Weiß-Ästhetik.</P><P>In Smokings gekleidet, betreten die Akteure die Bühne. Thomas Thieme, dieser schwere, wuchtige Mann, noch im Hemd, der als Othello in seiner leicht thüringischen Sprachmelodie an Gert Fröbe erinnert, Thomas Thieme also legt sich zunächst hinter den Flügel aufs Podest. In die Zwangsjacke des Gesellschaftsanzugs schlüpft er nur, wenn er beim Dogen erscheinen und seine Liebe zu Desdemona legitimieren oder auf Zypern den General geben muss.</P><P>Auf schwarze Schminke kann bei diesem Schauspieler leicht verzichtet werden, denn Thiemes Othello, plump-vertraulich Schoko genannt, überzeugt auch in Weiß von seiner Andersartigkeit. Die kurzen Momente des Glücks fasst er wie im Flug, als würde er abheben, leicht pfeifend und mit den Armen segelnd. Ein alternder Mann, der durch dieses junge Mädchen Desdemona zum tapsigen, rührenden Kind (oder Greis) wird, das am Ende sein Spielzeug kaputt macht, indem er es erwürgt.</P><P>Auch hier der starke äußerliche Kontrast, aus dem zu schnell, zu leicht Wirkung gezogen wird. Die Unbeholfenheit des Alten, des Dicken gegenüber der zierlichen Jugend hat a priori schon etwas Mitleiderregendes, auch Lächerliches. Auf ein Girlie, eine Lolita, einen Jargon-Teenie spielt Julia Jentsch ihre Desdemona herunter. Sich mit dem Kopf in Othellos Schmerbauch stemmend, ihn anspringend wie eine Flugnummer oder wie Bock und Ziege Stirn gegen Stirn drückend - das macht die behauptete Liebe nicht glaubwürdig. Das wird sie allein in den winzigen Augenblicken der Stille, der Ergebenheit, des Flehens Desdemonas.</P><P>Jagos Form und Rhythmus</P><P>Getragen wird diese Aufführung aber weder von Othello noch von Desdemona. Das schauspielerische Zentrum ist Wolfgang Pregler. Und das nicht nur, weil Jago die bessere, dankbarere Rolle ist. Sondern weil er als Einziger Sprache und Haltung gestaltet, weil er intelligent die Zotigkeit der Textfassung benutzt. Weil er virtuos den Mord an Cassius zelebriert, nur indem er in großer Stille dessen Jackett zerschneidet. Weil er dem Abend Rhythmus, Form, Modernität gibt.</P><P>"Das sind abgeschmackte alte Reime, um die Narren im Bierhause zum Lachen zu bringen", heißt es bei Shakespeare im zweiten Akt. Das Premierenpublikum im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele hat viel gelacht. Was bekanntlich auch für eine Tragödie kein schlechtes Zeichen sein muss. Um die Autoren der Textfassung zu zitieren: "Recycling auf hohem Niveau." Für Shakespeare ist das zu wenig. Dennoch: enthusiastische Bravos und Buhs.</P>

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