Zwei hängende Pfützen

- Einfallsreiche Kunst beginnt mit glückreichem Finden. Dieser Eindruck entsteht derzeit im ungewöhnlichen Dreieck zwischen dem östlichen Riegel der Alten Pinakothek, der Rotunden-Kuppel in der Pinakothek der Moderne und zwei Sälen im Erdgeschoss. Denn wie die jüngst eröffneten Ausstellungen zu Cy Twomblys Skulpturen und Hermann Jüngers Schmuckstücken präsentiert parallel nun auch die Graphische Sammlung einen künstlerischen Standpunkt, der das Gebräuchliche adelt und das Schäbige veredelt: Al Taylor (1948-1999).

Twombly fand eine Whisky-Kiste, Jünger fand eine Tonscherbe. Al Taylor findet 1992 einen Gips-Fisch. Er zersägt ihn in fünf Teile, hängt diese nebeneinander auf und verewigt sie in schwarz-grauen Aquarellen auf dem Briefpapier eines Wiener Hotels - gleich neben Sisis Kopf. Die liebenswerte Zufälligkeit, das bildnerische Talent und der sympathische Humor, die diese Studien vereinen, kennzeichnen den amerikanischen Künstler mit der dicken Brille in einer anziehenden Mischung.

Al Taylor, früh an Lungenkrebs verstorben, war von 1975 bis 1982 Assistent von Robert Rauschenberg in New York und freundete sich in dieser Zeit mit Cy Twombly an. Wie dieser war er, auch unter Verwendung von Sprache, Maler, Zeichner und Hersteller von Objekten (die Bezeichnung "Bildhauer" lehnte er ob ihrer "stolzen Tradition" ab): Das eine befruchtete gleichrangig das andere und verhalf einem Thema wie seinen "Hanging Puddles" im intensiven Variieren zur Perfektion.

In der Pinakothek der Moderne hängen zwei dieser "Pfützen" als gebogene und verschraubte Eisenovale; ihr zweidimensionales Äquivalent ist, ebenfalls hängend, auf vielen Zeichnungen zu sehen. Hier findet sich auch ein Blatt mit schwarz konturierten Kaffeeflecken, "Early Coffee Ring Puddles", welches das kleine Alltagsereignis hinter der Idee, dem Flüssigen eine konkrete Form zu geben, erahnen lässt.

Als ständiger Regelbrecher wollte sich dieser Künstler sehen. Der erste deutsche Rückblick auf sein zeichnerisches Werk, technisch oder realistisch, kalligraphisch oder malerisch, bestätigt dieses Streben.

Ob er die Brechung einer Welle mit Hilfe von Rasterpapier oder die Notdurft-Wege der Pariser Straßenhunde wie Sternbilder einer skurrilen Aquarell-Galaxis untersuchte - Al Taylors schattige, vielschattierte Zeichnungen tragen zum größten Teil leicht an den Bedeutungen, die ihnen der Künstler aufgibt. Denn sie sprechen für sich selbst und fordern nun den Betrachter zum Sehen heraus. "Was schaust du an?" Diese für ihn essenzielle Frage wünschte sich Al Taylor sogar auf seinen Grabstein.

Bis 11. Juni. Di.-So. 10-17 Uhr, Do., Fr. 10-20 Uhr. Info: 089/ 23 80 53 60. Der Katalog kostet 34 Euro.

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