Auf gekippter Fassade und verlorenem Posten: Das Akademie-Ensemble von „Street Scene“. foto: A.T.schaefer

Nur zwei Pluspunkte

München - Null-Dramaturgie und Jammer-Arien: „Street Scene“ im Münchner Prinzregententheater

von beate kayser

Zählen wir die Pluspunkte auf: Der gekippte Wohnblock als Spielfläche (Heike Meixner) hat seine Meriten. Aus allen (Fenster-)Löchern können Hausbewohner auftreten, Zeitung lesen, Blumenkästen aufstellen, auf Schüsse reagieren, und der Regisseur Gil Mehmert weiß diese Spielfläche zu beleben. Zweitens: Das Stück bietet 25 Darstellern - Sängern, Musical-Leuten und Schauspielern - Auftrittsmöglichkeiten. Aber leider, leider sind damit die Vorzüge von „Street Scene“ im Prinzregententheater schon umrissen.

Kurt Weill bewegt sich in diesem Stück auf seinem Ehrgeiz-Terrain: Er wollte große Oper, und brach sich daran den Hals. Den verschwindend wenigen Jazz- und Swing-Nummern steht ein Berg von fettleibigen Jammer-Arien und Duetten gegenüber, die nach Not-Puccini und manch anderem klingen und den Stückverlauf aufhalten.

Aber was heißt hier schon Stückverlauf? Die großen Komponisten und Stückeschreiber wussten: Man braucht eine Person, die das Publikum hassen oder lieben kann. Hier wird das aufgeweicht in eine ganze Hausgemeinschaft mit winzigen Einzelschicksalen, die schwer zu entwirren sind und letztlich niemanden interessieren. Leidtragende sind die engagierten jungen Leute, gemischt und kaum zusammengeführt aus Sängern, Musicaldarstellern und Schauspielern. Bei einer solchen Null-Dramaturgie sind selbst ein Spitzenregisseur wie Gil Mehmert und ein so guter Dirigent wie Ulf Schirmer mit seinem Münchner Rundfunkorchester nahezu machtlos. Nam-young Kim, zu großen Lamentoso-Arien angehalten, die sie mit prächtigem Sopran aber text-unverständlich vorträgt, ist die Schlüsselfigur für diese lastende Aufführung. Der Applaus galt allein den engagierten Darstellern auf letztlich verlorenem Posten.

Weitere Aufführungen: 14., 22., 25. Februar; Telefon: 089/ 2185-2899.

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