Zwei Samurai-Clans

- Donnerstagnachmittag, Ortszeit Tokio kurz nach 16 Uhr. Zubin Mehta betritt den Graben der riesigen, über 3000 Plätze fassenden NHK-Halle, gibt den Einsatz zu Wagners "Meistersingern von Nürnberg". Und wenige Kilometer Luftlinie entfernt, im New National Theatre, passiert genau dasselbe. Nur sitzt hier das Tokyo Philharmonic Orchestra, am Pult steht der Deutsche Stefan Anton Reck. Zwei "Meistersinger" zeitgleich, das ist kurios, ist künstlerisch spannend - aber letztlich auch ein Politikum.

Weikls kleine Pointen

Denn als die Bayerische Staatsoper mit dem mächtigen Privatveranstalter Tadatsugu Sasaki dieses Tournee-Stück aushandelte, standen die "Meistersinger" schon auf der Saisonplanung der Konkurrenz. Sasaki hielt trotzig an seinem Vorhaben fest, zumal ihm, der mit teuren Westkünstlern Millionen macht, das städtische Opernbiotop ohnehin ein Dorn im Auge ist. Längst stehen sich beide Lager verfeindet gegenüber, was sogar so weit geht, dass sich Sasakis Mitarbeiter angeblich bei den Kollegen nicht blicken lassen dürfen. "Wir sind halt zwei Samurai-Clans", sagt Thomas Novohradsky, Direktor des New National Theatre.

Auch der Österreicher, der zuvor Produktionsmanager der Wiener Staatsoper war, noch bis 2007 in Tokio ist, dort auf einen Stagione-Betrieb baut und mit einem Jahresetat von umgerechnet 16 Millionen Euro auskommen muss, setzt auf West-Namen: "Wenn ich eine rein japanische Besetzung hätte, wäre das Haus leer." Im architektonisch gelungenen 1800-Plätze-Saal inszenierte also Bernd Weikl, weltweit wandelnde Sachs-Legende, auf der Bühne mit Anja Harteros (Eva) und Martin Gantner (Beckmesser) ein "Münchner Duo", dazu noch Peter Weber (Sachs), Hans Tschammer (Pogner), der Amerikaner Richard Brunner (Stolzing) sowie einheimische Kräfte.

Überambition, "das Zitat vom Zitat", lehnt Novohradsky ab, die Geschichte müsse durchschaubar erzählt werden. Und diese Vorgabe, immerhin, erfüllt Weikls Arbeit, die sich in die betuliche Wolfgang-Wagner-Tradition stellt. Gespielt wird im Nürnberg-Stich mit leicht versetz- und drehbaren Elementen (Bühne: Frank-Philipp Schlößmann).

Ästhetisch ist das von begrenztem Reiz, bietet aber eine hervorragende akustische Situation. Weikl lässt die Sänger in Ruhe ihre Vokalarbeit machen, manchmal auch allein, und gruppiert operettenhafte Folklore-Tableaus. Zwischen Eva und Sachs darf's funken, kleine Pointen künden vom exzellenten Stück-Kenner. Doch bei Sachs' Schlussansprache schleicht sich ein ungut tümelnder Ton in die Inszenierung, gut gemeint, aber in der Wirkung völlig verfehlt dann das Transparent "Kunst und Natur".

Doch wer regietechnisch vorn liegt, ob Tokio oder München, das mag man angesichts von Thomas Langhoffs bemüht modernistischer Deutung nicht recht entscheiden.

Siegerkranz für Beckmesser

Leichter fällt die Wahl bei der musikalischen Seite. Das Tokyo Philharmonic Orchestra hat sich mit Stefan Anton Reck tief in die Partitur hineingedacht. Weich, schmiegsam, sehr elegant zieht schon das Vorspiel vorüber. Und auch in den folgenden Stunden wird vorgeführt, wie wendig und frisch, wie filigran und intim Wagner klingen kann. Kein Takt verstreicht in Routine. Reck formt immer wieder spannungsvolle Übergänge und kantable Phrasen, lässt auf der Festwiese auch kraftvolles, jedoch nie kraftmeierndes Pathos zu. Geradezu verblüffend die Präzision von Orchester und Chor - in dieser Güte ist Letzteres nur auf Bayreuths Grünem Hügel zu erleben.

Richard Brunner singt einen beherzten, später sich gefährlich verengenden Stolzing. Hans Tschammer ist ein knorriger Pogner, Peter Weber ein zurückhaltender, dennoch natürlicher und mit klarer, kluger Diktion formulierender Sachs. Anja Harteros gefällt als luxuriöse Eva: darstellerisch eine blendende Erscheinung, stimmlich ein faszinierender, dunkel glühender Kristall. Yoshida Hiroyuki gibt einen famosen David.

Evas Siegerkranz hätte allerdings ihm gebührt: Martin Gantners Beckmesser ist schlicht konkurrenzlos. Ein wirklich singender, nie deklamierender Stadtschreiber, der seine makellose Technik in den Dienst einer intelligenten, genau dosierten, in jeder (Vokal-)Geste glaubhaften Gestaltung stellt. Kein großes Haus kommt künftig an Gantner vorbei. Entsprechend enthusiastisch reagierte das Publikum, das hier - nicht wie bei Sasaki - Maximalpreise von rund 500, sondern "nur" 240 Euro zahlt. Der Führungsstil von Novohradsky, dessen Wiener Charme offenbar den strengen Kalkulator tarnt, zahlt sich jedenfalls aus: Bayerischen Lokalpatrioten hat er mit diesen "Meistersingern" fünf schwere Stunden bereitet.

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