Zwei Schwestern

- Paradox der Musik unserer Tage: hier die Neue Musik, hochkomplex, intellektuell, "schwierig", Refugium einer kleinen, verschworenen Gemeinde, dort die Musik, die der größte Teil der Menschheit hört, wenn er Musik hört: die Volks-, die volkstümliche, die Pop-Musik, einprägsam, "einfach" in Rhythmus, Melodie, Harmonie bis hin zur Trivialität. Könnten die entfremdeten Schwestern wenigstens einmal einen Abend gemeinsam an einem Tisch sitzen?

<P>Im ersten musica-viva-Konzert der Saison im Herkulessaal scheinbar günstige Voraussetzungen für ein solches Familientreffen: Ist doch der Komponist der Uraufführung des Abends, der Schwede Kent Olofsson, Jahrgang 1962, in beiden Welten zu Hause, Rock-Musiker und akademisch ausgebildeter Komponist in einem. Für seine "Fascia" für Charango, Midi-Gitarre, Sampler und Orchester hat Olofsson den diesjährigen BMW-Kompositionspreis der musica viva erhalten - doch welche Impulse gingen vom Stück aus?</P><P>Abgesehen davon, dass der Klang des Charangos, einer südamerikanischen Kleingitarre, Assoziationen an Speedy Gonzales weckte, die Steeldrums an karibischen Reggae, blieb der Einfluss des Populären gering: ein unruhiger, in feinen Farbnuancen funkelnder Klangteppich mit einem abgehoben-schönen Windhauch-Ende, ein Schluss, der mit seinem Sich-Zurücknehmen in die Stille dem von Wolfgang Rihms "Unbenannt IV" für Orchester mit Orgel überraschend ähnlich schien.</P><P>Auch hier im Hin- und Herwogen der Klangfelder und Melodie-Fragmente eine Betonung des Rätselhaften, Hermetischen, Unsagbaren. In der Mitte als Auftakt zum Hartmann-Jahr Karl Amadeus Hartmanns erste Symphonie, "Versuch eines Requiems", auf Texte Walt Whitmans. Unter der bewährten Leitung Lothar Zagroseks fing das Symphonie-Orchester des BR deren nach-mahler'sches Trauer-Pathos ebenso ein wie die expressionistische Rauheit der 1930er-Jahre. Katharine Goeldner sang die Alt-Partie souverän, mit eher hell timbriertem, klarem Mezzo.</P>

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