Simon Wiesenthal

Die zwei Seiten des Nazi-Jägers Simon Wiesenthal

München - Er hat so einige Nazis ans Messer geliefert: Simon Wiesenthal. Jetzt ist eine Biografie über den überzeugten Zionisten erschienen. Sie zeigt, dass er manchmal auf dem rechten Auge blind war.

Die Herren pflegten trotz ihrer höchst unterschiedlichen Biografien einen vertrauten Umgang. Man besuchte sich zu Hause, man tauschte familiäre Nachrichten aus, etwa über die besorgniserregende Hirnhautentzündung des kleinen Enkels. Und mehr als einmal bescheinigte der eine, der ehemalige NS-Verfolgte, dem anderen, der ehemaligen NS-Größe, im Grunde doch „anständig“ zu sein.

Der israelische Journalist Tom Segev hat die erstaunlich enge Beziehung zwischen dem Juden Simon Wiesenthal und Hitlers Rüstungsminister Albert Speer jetzt erstmals in einer umfangreichen Biografie dargestellt. Segev hatte Zugang zu den privaten Papieren von Wiesenthal, der 2005 97-jährig verstarb. Er stieß auf einige höchst eigentümliche Seiten jenes Mannes, der als überzeugter Zionist dennoch nicht nach Israel auswanderte, sondern in Wien trotz vieler antisemitischer Anfeindungen die Stellung hielt und als Nazi-Jäger weltweit bekannt wurde.

Auch Tom Segev kann nicht mit Sicherheit klären, wie viele NS-Täter Simon Wiesenthal durch gezielte Hinweise an die Justiz entlarvt hat. Es sind wohl einige Hundert, darunter zum Beispiel der Polizist Karl Silberbauer, der Mann, der Anne Frank verhaftete; Hermine Braunsteiner, eine brutale KZ-Aufseherin in Majdanek; und Franz Stangl, der Kommandant des Vernichtungslagers Treblinka.

Die Qualität der Hinweise schwankte, ihre Relevanz ist im Nachhinein schwer zu ermitteln. Das ist bei dem prominentesten NS-Schergen, Adolf Eichmann, nicht anders. Einerseits wusste Wiesenthal früh, dass der Organisator der Judenvernichtung nach Argentinien entwichen war, nachdem er über einen Mittelsmann von der Abreise der Ehefrau aus Altaussee im Salzkammergut nach Südamerika erfahren hatte. Andererseits hat der Mossad, der Eichmann dann kidnappte, immer bestritten, dass Wiesenthal den entscheidenden Tipp gegeben hätte. Wie dem auch sei - sicher ist, dass Wiesenthal beharrlich auf flüchtige NS-Verbrecher hinwies, gerade dann, wenn staatliche Stellen in Deutschland, aber auch in Österreich, inaktiv blieben. Das ist sein bleibendes Verdienst.

Die andere Seite des Simon Wiesenthal war seine schier unstillbare Geltungssucht. Er spielte mit den Medien und schreckte, wie Segev nachweist, vor absichtlichen Falschmeldungen nicht zurück, wenn es denn „der jüdischen Sache propagandistisch“ diente, wie er einmal intern schrieb. So, als hätte es nicht gereicht, dass er fünf KZ und Gettos überlebte, zählte Wiesenthal in manchen Verlautbarungen bis zu zwölf Konzentrationslager auf. Biografische Details variierte er nach Gutdünken. Er war auch kein Auschwitz-Häftling, obwohl dies „Teil der öffentlichen Biografie Wiesenthals“ war, wie Segev meint. Israelische Offizielle nannten ihn in einer Aktennotiz einen „Schreihals“. Segev stellt fest: „Er neigte ganz offensichtlich dazu, das eigene erfahrene Leid noch zusätzlich zu vergrößern.“

Der Dauerstreit mit dem österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky, einem Juden und Sozialdemokraten, ist bekannt, wenn auch in diesen Facetten noch nie beschrieben worden. Wiesenthal mochte ihn nicht, weil er Kontakte mit arabischen Staaten pflegte und, das ist wohl wahr, weil Kreisky frühere Nationalsozialisten in seine Regierung holte. Wiesenthal unterstützte daher immer die konservative ÖVP, vergaß aber, das auch dort NS-Belastete ihr Unwesen trieben. Mit Helmut Kohl pflegte er vertrauten Umgang. Als dieser Ronald Reagan zum Soldatenfriedhof in Bitburg lotste (wo Waffen-SS-Mitglieder begraben sind), schwieg Wiesenthal. Kurt Waldheim, der über seine Wehrmachts-Vergangenheit log, attestierte er zunächst eine weiße Weste.

Es gibt mehrere solcher Beispiele, doch am bezeichnendsten war Wiesenthals familiärer Umgang mit Speer, dem Intimus von Hitler in dessen Endphase. Man muss nur einmal bei Marcel Reich-Ranicki „Mein Leben“ nachlesen, welches Gruseln Reich-Ranicki durchfuhr, als er eines Tages auf einer Privatparty als Stargast Speer erlebte. Wiesenthal gruselte es nicht - im Gegenteil. Er erteilte Speer Generalabsolution, als er ihm schrieb: „Wir alle haben in unserer Jugend Fehler gemacht.“ Als Speer sich zugute hielt, er habe sich „mit Erfolg“ bemüht, im KZ „die sanitären Verhältnisse zu bessern“, haute ihm Wiesenthal diese Sätze nicht um die Ohren, sondern nannte ihn einen „anständigen Menschen“.

Es ehrt Segev, dass er Wiesenthal in seiner Biografie nicht angreift, sondern sich um Fairness bemüht. Er sieht Wiesenthal als einen von Schuldgefühlen geplagten Mann - Schuldgefühle, weil er überlebt hatte. Er beschreibt ihn als Menschen, der den Griff des Holocaust nie abschütteln konnte. Vielleicht bestrafte er sich so selbst für Verbrechen, die er nicht begangen hatte.

von Dirk Walter

Tom Segev:

„Simon Wiesenthal. Die Biographie“, Siedler Verlag, 574 Seiten; 29,95 Euro. Der Autor liest heute, 20 Uhr, im Münchner Literaturhaus.

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