Zwei Unvollendete

- Fernab jeglicher gefälligen Festspielprogrammierung siedelten Kent Nagano und sein Deutsches Symphonie-Orchester Berlin nach höchst gelungenem Einstand mit Zemlinskys "König Kandaules" nun ihr Konzert in der Salzburger Felsenreitschule an.

<P>Trotzdem - oder vielleicht gerade deswegen - tummelten sich am Samstagvormittag vor dem Eingang in der Hofstallgasse die Neugierigen mit den Schildchen "Karte gesucht".</P><P><BR>Denn wann bekommt man schon einmal Mozarts Requiem so zu hören, wie er es hinterließ: als Torso. Und wer hat schon einmal Arnold Schönbergs Oratorium "Die Jakobsleiter" live erlebt? Die Salzburger Festspiele machten es möglich, und die Berliner Gäste samt internationalem Sängerteam wurden dafür mit anhaltendem Applaus belohnt.</P><P><BR>Umso erstaunlicher, als die akustischen Bedingungen keineswegs optimal waren. Denn die Felsenreitschule ist derzeit für "Die Zauberflöte" mit Zelt-Tüchern ausgehängt und klingt entsprechend: trocken und spröde. Genauso geriet denn auch das Kyrie (mit klar aufgeschlüsselter Fuge) nach einem düster-lastenden Introitus. Die dynamisch stark differenzierten "Dies irae" lud Nagano dramatisch auf, zielte im "Tuba mirum" auf die schlanke, bewegliche Posaune. Die einzelnen Passagen der Sequenz setzte er deutlich gegeneinander ab, unterstrich das Spröde und ließ schließlich den "Lacrimosa"-Abschnitt leer im Raum stehen. Da folgte keine gefällige Süssmayr-Vollendung, sondern irritierte das jähe Ende, das Mozarts Tod im unvollendeten Werk spürbar machte.</P><P><BR>Der Wiener Staatsopernchor agierte gewohnt differenziert und souverän, während das Solistenensemble eher unausgeglichen wirkte. Angenehm lyrisch und leicht klang der Bass von Georg Zeppenfeld, und Laura Aikin setzte dem Quartett (ergänzt von Katharina Kammerloher und Torsten Kerl) kleine Lichter auf. Ihr Silbersopran schwang sich auch in Schönbergs - textlich heute arg bemüht anmutendem - ebenfalls unvollendetem Bekenntniswerk als Seele in sphärische Höhen. Als exquisites Männerensemble beeindruckten: Hubert Delamboye (Berufener), Robert Gambill (Aufrührerischer), Michael Volle (Ringender), James Johnson (Auserwählter), Kurt Azesberger (Mönch) und der geradlinig unpathetische Dietrich Henschel als Gabriel.</P><P><BR>Auch wenn man Schönbergs expressionistischem Textgebilde skeptisch gegenüberstand: Die Musik in ihrer klaren, ungemein transparenten Ausformung und ihrem differenzierten Einsatz der verschiedenen Instrumente bestach sofort. Zumal Kent Nagano wissend all ihren Reizen nachspürte und sie souverän aufdeckte.<BR></P>

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