Stau auf der S-Bahn-Stammstrecke und Störung bei Höllriegelskreuth

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Zwei Wein und ein Whisky

- Zu viel Charme, Zigarettenrauch und Kaffeehausduft ist in dieser Philosophie, um sie nicht all jenen verdächtig zu machen, die sich als Sachwalter des Wahren, Schönen und Guten verstehen. Zu viel ist darin von Freiheit die Rede, davon, dass es ganz einfach sei, das Richtige zu tun, dass man nur wählen müsse - um nicht all die Hüter von Pflicht und Moral auf den Plan zu rufen. Das machte Jean-Paul Sartre, der morgen vor 100 Jahren geboren wurde und 1980 starb, umgekehrt gerade attraktiv.

<P class=MsoNormal>"Der Mensch ist verurteilt, frei zu sein."<BR>Jean-Paul Sartre</P><P class=MsoNormal>Sartre war glamourös, aber nicht gefällig, seine scharfgeschliffenen Sätze konnten ebenso bezaubern wie verletzen, aber gerade der Glanz seiner Formulierungen weckte Verdacht: Konnte jemand, der so schön schrieb, auch Substanz haben? Konnte man ein wirklich ernsthafter Philosoph sein und gleichzeitig der weltweit meistaufgeführte Bühnenautor? War es schließlich möglich, dass Texte dauerhaften Wert hatten, wenn doch allgemein bekannt war, dass sie ihr Autor in einem lärmenden Pariser Lokal geschrieben hatte, womöglich nach zwei Gläsern Wein und einem Whisky?</P><P class=MsoNormal>Besonders in Deutschland, wo auch die Kunst Arbeit zu sein hat, war Sartre suspekt. Ein Wunderkind, dem alles leicht fiel und scheinbar nichts Arbeit war - der allerdings etwa 40 Bücher schrieb -; der, anstatt sich in langen Fußnoten mit Kant auseinander zu setzen, am Beispiel eines Restaurantkellners erklärte, was Intersubjektivität ist.</P><P class=MsoNormal>Und dann die Frauen: Nicht verheiratet, dafür lebenslang liiert mit der Schriftstellerin Simone de Beauvoir (1908-1986), mit der er eine ebenso öffentliche wie liebevolle und überaus treue Beziehung führte. Was beide keineswegs hinderte, manchmal mehrere Geliebte auf einmal zu haben und darüber in ihren Büchern diskret, aber offen zu schreiben.</P><P class=MsoNormal>Sartres Persönlichkeit schillerte wie sein Werk. Wie Sokrates galt Sartre zu Lebzeiten - mehr als alles andere - als ein Verderber der Jugend. Einen Schierlingsbecher reichte man ihm zwar nicht, doch skandierte die französische Rechte öffentlich "Tötet Sartre!". Und nur knapp entging er zwei Bombenanschlägen auf seine Pariser Wohnung.</P><P class=MsoNormal>Wer würde heute noch einen Philosophen für so wichtig halten, dass man ihn töten müsste? Dieser Hass hatte zwar auch politische Gründe - Sartre polemisierte seinerzeit stark gegen den französischen Algerienkrieg -, doch für nichts wurde er mehr angefeindet als dafür, dass er die etablierten Posen und alle Anpassung ablehnte und Rebell blieb. "Die Einheit dessen, was ich tue, ist die Philosophie": Daran ließ Sartre nie Zweifel. Alles Weitere war nur Folge der Kernidee jener Philosophie, dass man für sein Denken einzustehen habe, keinen Unterschied machen dürfe zwischen Reden und Handeln. Engagement nannte er dieses Gebot, aktiv zu werden, sich der Welt und ihren</P><P class=MsoNormal>"Man soll keine Dummheit zweimal begehen, die Auswahl ist schließlich groß genug."<BR>Jean-Paul Sartre </P><P class=MsoNormal>Herausforderungen zu stellen um jeden Preis - auch den des Irrtums: "Ein Intellektueller ist einer, der sich in Dinge einmischt, die ihn nichts angehen."</P><P class=MsoNormal>Begonnen hatte alles in der französischen Provinz: Bei seinen Großeltern war er aufgewachsen, nachdem sein Vater früh gestorben war. Diese Jahre schildert er in seiner Autobiografie "Die Wörter" als goldene Zeit. Für Sartre war Denken das Selbstverständlichste der Welt. Und so wandte er sich in den 20er-Jahren der Phänomenologie zu, die das Denken neu in der menschlichen Erfahrung verankern wollte. Parallel schrieb er "Der Ekel" (1939), seinen erfolgreichsten Roman, und "Das Sein und das Nichts" (1943), sein philosophisches Hauptwerk. Dies begründete den Existenzialismus, jene skeptische Philosophie der Nachkriegszeit. Für jedermann verständlich, denkt Sartre die großen Fragen des Jahrhunderts durch: Totalitarismus und Freiheit, Widerstand und Liebe.</P><P class=MsoNormal>Der Mensch allein ist verantwortlich für die Bedingungen seines Lebens, lautet eine der zentralen Aussagen. Sind sie schlecht, unfrei, verbrecherisch, liegt es an ihm, sie zu ändern. Es gibt keine Ausreden. So war Sartre nach kurzem Flirt mit dem Kommunismus einer der schärfsten Kritiker des Sowjet-Einmarschs in Ungarn 1956: "Es gibt keinen Sozialismus, wenn jeder zwanzigste Bürger im Lager sitzt." Doch lehnte er auch 1964 den Nobelpreis für "Die Wörter" ab; die von ihm begründete "engagierte Literatur" bedeutet Skepsis gegenüber jeder Möglichkeit der Vereinnahmung. So lieferte Sartre über Jahrzehnte das Grundmodell, nach dem ein Schriftsteller aufzutreten hatte. Gerade das Widerständige seiner Person und seines Werks fasziniert bis heute. In Erinnerung bleibt Sartre, den noch sein politischer Gegner Charles de Gaulle als Voltaire des 20. Jahrhunderts achtete, als Erbe der skeptischen Aufklärer, ein höchst aktueller Denker. "Wenn die Literatur nicht alles ist, ist sie nicht der Mühe wert", war Sartre überzeugt. Nicht nur der Schriftsteller darf daran glauben.</P>

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