Zwei Wochen kein Wort gesprochen

- Sie lebt im Krieg - und vom Krieg. Und doch verliert sie alles durch ihn: "Mutter Courage und ihre Kinder" nannte Bertolt Brecht seine "Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg", die 1941 in Zürich mit Therese Giehse uraufgeführt wurde. Unter Brechts Regie war sie auch 1950 in München die Anna Fierling; deren stumme Tochter Kattrin spielte Erni Wilhelmi. Am Münchner Residenztheater hat das Stück jetzt unter der Regie von Thomas Langhoff am Freitag, 27. Februar, Premiere. Die Titelrolle gestaltet Cornelia Froboess, ihre Tochter ist die jugendfrische, energiegeladene Lisa Wagner.

<P>Mit dem Textlernen hatten Sie keinen Stress. Aber: Wie schwer ist es, eine stumme Figur zu spielen, damit sie neben den anderen auf der Bühne nicht untergeht?<BR><BR>Wagner: Ich hab' da schon meine Späße gemacht und gesagt: Streich' doch die zwei Sätze . . . Das Schwierige an der Rolle ist ja, dass Kattrin hört. Deswegen will ich auch nicht diese Taubstummen-Klischees. Sie will nicht wie eine Behinderte behandelt werden. Um das richtig zu erfassen, habe ich auf den Proben zwei Wochen überhaupt nicht gesprochen; nicht mit dem Regisseur, nicht mit den Kollegen. Da wird man schon in eine gewisse Behindertenrolle gedrängt; man wird am Kopf getätschelt, die anderen reden plötzlich ganz langsam mit einem, oder gar nicht mehr, weil sie keine Antwort kriegen. Es entsteht eine Vereinsamung.<BR><BR> Ich habe eine eigene Zeichensprache entwickelt, einen Geheimcode, den die Mutter und die Brüder verstehen. Ich habe genau beobachtet, wie Körpersprache funktioniert. Da wird deutlich: Wenn sich die Emotion durch Sprache äußert, geht sie aus dem Körper weg, kommt gar nicht im Körper an. Das denkt sich alles einfacher, als es ist . . . Ich habe dabei viel gelernt. Man wird sensibilisiert, wie die anderen miteinander umgehen, auch wie laut sie sind. <BR><BR>" . . . stumm ist sie auch nur wegen dem Krieg, ein Soldat hat ihr als klein was in den Mund geschoppt", sagt die Mutter über Kattrin. Wie deuten Sie  diese  Bemerkung?<BR><BR>Wagner: Darüber hatte ich mit Langhoff anfangs große Diskussionen. Er meinte, es sei irgendetwas an den Stimmbändern verletzt worden. Für mich war klar, dass es um sexuellen Missbrauch geht. Kattrin war sechs oder acht, als sie den Schock erlitt. Da gab's keine Therapeuten! Da ist Krieg! Wenn das Stück spielt, hat sie seit 20 Jahren nicht mehr gesprochen. Und dann passiert ihr so etwas wieder: eine Vergewaltigung. Noch tiefer geht's nicht mehr, hab' ich oft gedacht, aber es geht immer tiefer - bis sie abgeknallt wird.<BR><BR>Brecht hat Kattrin als den einzigen grundanständigen Menschen in dem Stück gezeichnet. Das sehen die anderen Figuren aber nicht als etwas Positives, sondern als Krankheit: "Du leidest an Mitleid."<BR><BR>Wagner: Na ja, es gibt da einen Punkt, wo ich lachen musste: Die roten Schuhe der Hure Yvette hat sie ganz schön raffiniert weggegrabscht. Wodurch Kattrin mir sehr nahe rückt, ist die Zivilcourage. Cornelia Froboess hat gesagt: Kattrin ist die emotional ausgelagerte Mutter Courage. Mutter und Tochter gehen eine Symbiose ein. Kattrin ist das Gefühls-Gedächtnis der Mutter. Die junge Frau ist der Hoffnungsschimmer - der am Ende vernichtet wird. Ihr geht ein Menschenleben über alles. Wenn es um Wichtiges geht, denkt sie nicht ans Geschäftliche. Sie handelt aus dem Bauch heraus - und grundsätzlich richtig. Ich denke, das war von Brecht schon so gedacht, dass der Einzelne doch etwas tun kann. Es wäre schlimm, wenn ich das nicht über die Rampe bringe, denn Kattrin ist die Einzige, mit der sich die Zuschauer uneingeschränkt identifizieren können. <BR><BR>Brechts Stücke sind als belehrende, schnell langweilig wirkende Fingerzeig-Dramen gefürchtet. Sind Sie da auch voreingenommen, oder gehen Sie ganz locker an den alten Dialektiker heran? Kümmern Sie seine Forderungen des Epischen Theaters?<BR><BR>Wagner: Unsere Dramaturgin Susanne Thelemann und Langhoff haben eine Fassung erstellt, die vor allem die Familiengeschichte herausarbeitet. Krieg ist schlecht, das wissen wir ohnehin. Ich mag Brecht. Die direkte Sprache, das Bodenständige reizen mich. Ich hab' vorher schon Schiss gehabt, dass das ziemlich modrig werden könnte. Aber Langhoff lässt mich machen. Er hat uns den Überbau gezeigt, aber auch, dass wir daran nicht sooo interessiert sind . . .<BR><BR>Die Courage ist eine Übermutter, und die Froboess gewissermaßen eine Über-Schauspielerin. Wie geht's Ihnen da?<BR><BR>Wagner: Es ist herrlich. Die Zusammenarbeit mit ihr ist der absolute Traum. Wir spielen ja schon im "Vater" und im "Friedensfest" miteinander, aber jetzt stützen wir uns gegenseitig. Egal was, ich bespreche alles mit ihr. Sie ist im besten Sinne "anspruchslos" - der Mutter Courage schon irgendwie ähnlich, eine Mama-Figur. Ich habe wahnsinnigen Respekt vor ihr.<BR><BR>Würden Sie selbst irgendwann gern die Courage spielen?<BR><BR>Wagner: Die ist so mit Cornelia Froboess besetzt, dass ich mir das überhaupt nicht vorstellen kann.</P><P>Das Gespräch führte Simone Dattenberger<BR></P>

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