Zweifel an der besten aller Welten

- "Begrabe die Toten und füttere die Lebenden" - die dringendsten Aufgaben, die jetzt im südasiatischen Raum nach dem Seebeben zu erfüllen sind. Vor 250 Jahren ging mit diesen Worten der portugiesische Außen- und Kriegsminister Marquè`s de Pombal daran, den zerstörten Südwesten Portugals wiederaufzubauen.

<P>Augenzeugenberichten zufolge war der 1. November 1755 in Lissabon ein schöner, sonniger Tag, die Lissabonner befanden sich in der Kirche und feierten Allerheiligen. Erdstöße erschreckten plötzlich die Menschen, wie von Zauberhand zog sich das Meer zurück, um auf einmal als Flutwelle auf die Stadt zuzurasen. Der Tsunami, den das Beben am Meeresgrund westlich von Faro ausgelöst hatte, zerstörte allerdings "nur" die Hafenanlagen der florierenden Handelsstadt. Die eigentliche Katastrophe aber spielte sich in der folgenden Woche ab: Eine Feuersbrunst, ausgelöst durch Kochfeuer und brennende Lampen, vernichtete die Stadt. Das stärkste Beben in Europa, das heute auf der Richterskala bei 8,5 liegen würde, tötete vermutlich 60 000 Menschen. Erschüttert hatte es aber auch auf lange Zeit das Denken der Zeitgenossen, ihren Glauben an Gott, den Menschen oder die Zivilisation. Hunderte von Stichen und Gemälden - mit brennenden Häusern, einem wogenden Meer, Gebäudetrümmern im Wasser - entstanden noch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein und zeugen von der Bedeutung des Unglücks.<BR><BR>Natürlich hatte es auch zuvor schon Katastrophen mit ähnlichen Ausmaßen gegeben. Doch erst mit der beginnenden Reisetätigkeit zur Zeit der Aufklärung und einem einigermaßen schnellen und zuverlässigen Nachrichtenwesen nahm man auch außerhalb der eigenen Lebenswelt Kenntnis davon. Dass sich die Ereignisse von Lissabon jedoch so tief eingruben in die europäische Geistesgeschichte, lag an der Macht, mit der die neuen Gewissheiten der Aufklärer ins Wanken gerieten. Hatte Gottfried Wilhelm Leibniz diese Welt noch als "die beste aller möglichen" bezeichnet, verhöhnte Voltaire nun die Optimismus-Philosophie und das Walten eines gütigen Gottes.<BR><BR>"Gott hatte sich keineswegs väterlich erwiesen".<BR>Johann Wolfgang von Goethe</P><P>Etwa in seiner Romansatire "Candide oder der Optimismus" von 1759, in dem der Held in das Erdbeben von Lissabon gerät: "Entsetzt, bestürzt, seiner Sinne nicht mächtig, über und über blutend und zitternd, sagte Candide sich: ,Wenn dies die beste aller möglichen Welten ist, wie müssen dann erst die anderen sein?" Dass Gott in seiner vollkommenen Schöpfung sogar die Gläubigsten in den Tod geschickt hatte, war für Voltaire eine gewaltige Störung, er sah darin die Indifferenz der Natur widergespiegelt. Jean-Jacques Rousseau hingegen, der mit Voltaire eine intensive Debatte darüber führte, schrieb die Schuld der Zivilisation und menschlichem Fehlverhalten zu: Lissabon sei viel zu dicht besiedelt gewesen, die Häuser hätte man mit bis zu sieben Stockwerken viel zu hoch und unsicher konstruiert. Den Opfern aber sei ein schlimmeres Darben durch Zivilisationskrankheiten erspart geblieben. <BR><BR>Immanuel Kant wiederum beschäftigte sich stärker mit dem Walten der Naturgesetze und physikalischen Kräfte und sah in ihnen gerade die Vollkommenheit der Natur bestätigt: "Die schädlichen Wirkungen der angesteckten Luft, die Erdbeben, die Überschwemmungen vertilgen ganze Völker von dem Erdboden; allein es scheint nicht, daß die Natur dadurch einen Nachtheil erlitten habe. Die Unendlichkeit der Schöpfung ist groß genug, um eine Welt, oder eine Milchstraße von Welten gegen sie anzusehen, wie man eine Blume, oder ein Insekt in Vergleichung gegen die Erde ansieht."<BR><BR>Johann Wolfgang von Goethe, zum Zeitpunkt des Bebens gerade einmal sechs Jahre alt, notierte später in "Dichtung und Wahrheit": "Durch ein außerordentliches Weltereignis wurde jedoch die Gemütsruhe des Knaben zum erstenmal im tiefsten erschüttert. Am ersten November 1755 ereignete sich das Erdbeben von Lissabon und verbreitete über die in Frieden und Ruhe schon eingewohnte Welt einen ungeheuren Schrecken . . . Gott, der Schöpfer und Erhalter Himmels und der Erden . . . hatte sich, indem er die Gerechten mit den Ungerechten gleichem Verderben preisgab, keineswegs väterlich erwiesen . . ." <BR><BR>Jahrzehnte später sind nicht nur die Erinnerungen an das Beben noch immer präsent, sondern dieses wird erneut zum literarischen Motiv: 1807 verfasste Heinrich von Kleist seine Erzählung "Das Erdbeben von Chili" und fasste darin all die Positionen zusammen, die in den 50 Jahren zuvor erörtert worden waren. Um sie schließlich seiner eigenen Überzeugung gegenüberzustellen: Es gebe für den Menschen keine objektiv erkennbare Weltordnung. Und noch in Thomas Manns "Zauberberg" von 1924 stellt Settembrini die Frage: "Haben Sie von dem Erdbeben zu Lissabon gehört?", Überlegungen dazu folgen.<BR><BR>So schnell erschüttert heute, wo täglich Katastrophen vermeldet werden, nichts mehr das Weltbild mehrerer Generationen. Doch mit seinen unbegreiflichen Ausmaßen löst das Seebeben in Südostasien ähnliche Debatten wie damals aus: Aufklärung, Naturwissenschaft und technische Machbarkeit werden verteidigt oder Fortschrittsgläubigkeit und menschliche Allmachtsfantasien wie eh und je kritisiert. Die davon ausgehenden Impulse stoßen heute immerhin nicht nur Kunst und Philosophie an. <BR><BR>Die Financial Times Deutschland schrieb, dass dieses Beben "die erste Naturkatastrophe sei, die zum Gegenstand einer Art von Weltinnenpolitik wurde".</P>

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