Im Zweifel fürs Weglassen

- Mit elf Jahren steht Michel Piccoli zum ersten Mal auf einer Bühne. Gegeben wird die Theaterfassung des Märchens "Des Kaisers neue Kleider". Und der kleine Michel spielt den Jungen, der sich nicht beirren lässt, und sagt, was alle sehen, aber keiner auszusprechen wagt: Der Herrscher ist nackt. In gewisser Hinsicht hatte Piccoli da schon seine Paraderolle gefunden. Immer wieder spielt er Männer, die mit nüchternem Blick ihre Umwelt sezieren und sich nicht von Konventionen oder falscher Sentimentalität beirren lassen. Oft sind das zutiefst unsympathische Charaktere, und Piccoli scheint eine Freude daran zu haben, sie mit perfider Perfektion darzustellen. Er ist ein außerordentlich präziser Schauspieler, ein Virtuose des Details. Im Zweifel lässt er lieber weg, als mit einer überflüssigen Bewegung den Eindruck zu zerstören.

Gelernt hat er am Theater, dem er bis heute leidenschaftlich verbunden ist. Und wenn reine Filmschauspieler nach Inspiration suchen, vertraut Piccoli auf Schauspiel-Technik. Was bei ihm oft unterkühlt und minimalistisch wirkt, ist harte Arbeit, die man nicht sieht. Piccoli gelingt es seit Jahrzehnten, diese Balance zwischen Kontrolle und Entspannung herzustellen. Echte Ausfälle hatte er nie, auch wenn nicht alle Filme Meisterwerke sind. Aber dass viele seiner Filme mit zum Besten gehören, was das europäische Kino nach dem Zweiten Weltkrieg hervorgebracht hat, liegt auch an ihm. Schon als Schauspielschüler fällt er durch eiserne Disziplin und Fleiß auf. Beides hat er von seinen Eltern.

Die Mutter ist Klavierlehrerin, der italienische Vater Geiger. Piccoli kommt am 27. Dezember 1925, einem Sonntag, in Paris zur Welt und lernt von seinen Eltern, dass man sich Kreativität erarbeiten muss. Nach der Schule spielt er sofort Theater. Daneben wirkt er ab 1945 immer mal wieder in Kinofilmen mit, aber ohne größeren Erfolg. Erst 1963 gelingt ihm der Durchbruch auf der Leinwand. In "Die Verachtung" spielt er an der Seite von Brigitte Bardot unter Jean Luc Godard den Biedermann mit Abgründen und ist für diese Rolle fortan gebucht. Wie wild dreht er einen Film nach dem anderen. Seine Fernsehprojekte mitgezählt, sind es bis heute unfassbare 208 Filme. Die Regisseure reißen sich um Piccoli. Denn der begreift sich nicht als Star, sondern als Komplize der Filmemacher. Er versucht zu verstehen, was die Regisseure wollen und setzt es dann hingebungsvoll um. So gelingen ihm unvergessliche Auftritte, etwa in "Trio Infernal" oder "Der diskrete Charme der Bourgeoisie". Wie er in "Trio Infernal" hochkonzentriert und emotionslos versucht, eine Leiche in Salzsäure aufzulösen, ist ein unsterblicher Moment der Kinogeschichte.

Immer wieder hat Piccoli das geschafft: Nur mit einer Andeutung, einem Gesichtsausdruck vielschichtige, mitunter widerliche Charaktere offen zu legen. Für alle, die dem französischen Kino ohnehin nie viel abgewinnen konnten, war Piccoli ein rotes Tuch. Piccoli im weißen Rollkragenpullover, das war der Inbegriff des verkopften französischen Autorenkinos. Dabei ist er einfach nur ein sehr ökonomischer und hochintelligenter Schauspieler, der sich uneitel dem Werk unterordnet. Er hat keine Angst, Risiken auf sich zu nehmen und zu verstören. In dem anarchischen Lehrstück "Themroc" macht er Jagd auf Polizisten, um sie zu verspeisen. In den 70ern sorgte das für Aufsehen, viele Kollegen hätten sich vor einer solchen Rolle gedrückt. Und in dem großartigen "Ich gehe nach Hause" (2001) stellt er einen alternden Schauspieler dar, der fast unmerklich vom Schmerz über den Verlust seiner Familie aufgefressen wird.

Wie punktgenau das Piccoli zeigt, ist fast schon erschreckend, und er kalkuliert ein, dass sich Assoziationen mit seiner Person aufdrängen. Aber er spielt sich keine Sekunde selbst. Über ihn als Mensch weiß man ohnehin nicht viel. Früher, wie so viele französische Künstler, strammer Anhänger der Kommunistischen Partei, bekennt er sich noch heute zu sozialistischen Idealen. Zum dritten Mal ist er verheiratet, Aufsehen erregte seine zweite Ehe mit Juliette Gré´co. Und natürlich die Gerüchte um Romy Schneider. Sie war regelrecht verrückt danach, mit Piccoli zu arbeiten. Aber Piccoli hat keine Silbe darüber verloren, wie nahe sich die beiden wirklich standen. Er arbeitet lieber. Immer noch steht er auf der Theaterbühne, schreibt, inszeniert und dreht gerade seine Filmprojekte: Nr. 209 und 210.

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