Im Zweifel für die Moral

- "Grbavica" von der Bosnierin Jasmila Zbanic ist der nicht völlig überraschende, aber doch unerwartete Gewinner des Goldenen Bären. In einem guten Berlinale-Wettbewerb, der keine ganz schwachen, aber auch kaum überragende Filme zeigte und vor allem künstlerisch nichts Neues brachte, bietet dieses Werk einen Kompromiss. Weder ist es wirklich ästhetisch bedeutend, noch politisch so unbequem wie Michael Winterbottoms Streifen "The Road to Guantanamo", der immerhin den Regiepreis bekam.

Mit Preisen ein gutes Gewissen verschaffen

Eindimensional, aber bewegend erzählt "Grbavica" von einer Mutter, die ihrer Tochter vorgaukelt, der verstorbene Vater sei ein Kriegsheld, obwohl diese in Wahrheit die Frucht einer Vergewaltigung während des Bürgerkriegs ist. Der Film wurde in Österreich vom renommierten "Coop99"-Kollektiv produziert, dessen eigene Werke allerdings innovativer sind. "Grbavica" hingegen ist wieder ein Fall jener Filme, denen es im Zweifel um Tränen und Moral geht, um schlimme Dinge in fernen Ländern, die man heute sowieso nicht mehr ändern kann. Um wirklich brennende Aktualität geht es allerdings nicht.

"Kleines Land, kleines Budget, kleiner Film", jubelte Regisseurin Jasmila Zbanic auf der Bühne - womit sie vielleicht die Erwägungen der Jury auf den Punkt brachte, aber gewiss nicht die Kriterien für einen der wichtigsten Filmpreise. Und manch einer fragte, ob der Westen nicht besser Karadzic endlich vor Gericht zwingen sollte, als sich mit solchen Auszeichnungen ein gutes Gewissen zu verschaffen.

Anders liegen die Dinge beim iranischen "Offside" (Großer Preis der Jury). Im Gegensatz zu Jasmila Zbanic zwingt Regisseur Jafar Panal seine Zuschauer dazu, selbst eine Position einzunehmen. Man verfolgt eine Gruppe junger Mädchen, die versucht, ins Fußballstadion von Teheran zu kommen, wo das entscheidende WM-Qualifikationsspiel läuft. Frauen sind Stadienbesuche durch die Sittenpolizei streng verboten.

Mit Leidenschaft und guter Laune erzählt der Film davon, was in den Köpfen echter Fußballfans vorgeht, aber er lässt dem Zuschauer auch kaum Illusionen über den repressiven Alltag im Iran. Immer sind verschiedene Lesarten möglich: Idyllisiert "Offside" - am Ende wird die Einheit der Nation im Fußballrausch beschlossen, läuft überm Abspann die Nationalhymne - die Zustände im Iran? Und betreibt er, indem er die menschliche Maske des Fundamentalismus zeigt, indirekt Propaganda für den Gottesstaat? So argumentierten manche auf der Pressekonferenz. Aber vielleicht zeigt "Offside" gerade so viel Kritik, wie man unter Zensurbedingungen aus dem Iran wagen kann.

Die Stimmung war besser

Die Deutschen können mit drei Preisen mehr als zufrieden sein. Jedenfalls numerisch. Im Gegensatz zu den Silbernen Bären für Jürgen Vogel und Sandra Hüller bleibt der Bär für Moritz Bleibtreu das Geheimnis der Jury. Angemessener wäre ein Preis für Hans Christian Schmids Regie in "Requiem" gewesen. Mit Valeska Griesebachs "Sehnsucht"  ging  der

einzige ästhetisch radikale Film des Wettbewerbs leer aus. So kann Berlinale-Chef Dieter Kosslick mit der Berlinale zufrieden sein; zur Euphorie besteht aber kein Anlass. Nach zwei miserablen Jahren und viel Kritik an der Filmauswahl hat sich die Berlinale konsolidiert. Die Stimmung war besser, auch wegen einer cleveren Dramaturgie, die die stärksten Filme überwiegend an den Anfang platzierte und mit Hollywoodkino - das nur außer Konkurrenz antrat - garnierte. Trotzdem konnte auch organisatorische Tünche nicht verbergen, dass Berlin nach wie vor stark darunter leidet, viele Filme nicht zu bekommen, während die Konkurrenz aus Cannes ihre ersten Einladungen boshaft kurz vor Berlinale-Start veröffentlichte.

Zudem hat Kosslicks Hätscheln der Deutschen - über 50 von rund 400 Filmen aller Sektionen kamen aus dem eigenen Land - auch den Nachteil, das anderes vernachlässigt wird. Das traf vor allem die Franzosen: Erstmals seit über zehn Jahren gab es nur einen französischen Wettbewerbsfilm.

Das zweite Opfer ist Asien: War Berlin unter Kosslicks Vorgänger Moritz de Hadeln noch Europas Zentrum dieser wichtigsten Region des Weltkinos, gab es 2006 wenig aus China und noch weniger aus Japan - eine lächerliche, wohl persönlichen Vorlieben geschuldete Ignoranz.

Das Forum glänzte nach schwächeren Jahren diesmal mit einer konzentrierten, konzisen Auswahl und fand zu gewohnter Stärke zurück. So galt auf der diesjährigen Berlinale einmal mehr: Der Wettbewerb ist nicht durchweg ein Muss, echte Entdeckungen macht man im Forum. Das kann aber nicht der Sinn eines Festivals wie diesem sein. Während Kosslicks Verkaufstalent unbestritten ist und er seine Handschrift - politischer Moralismus, eine Verbindung aus gutem Gefühl und aktuellem Manifest - vom ersten Tag an gefunden hatte, fehlt der Berlinale auch im fünften Jahr seiner Leitung die künstlerische Linie. Nur Stil und ästhetische Haltung, Intensität und spürbare cinephile Leidenschaft aber haben vor der Filmgeschichte Bestand, wenn politische Rauchschwaden verzogen sind.

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