Zweifel an sich selbst

- Uff! Zehn Choreographen in zehn Tagen - Walter Heuns Münchner Tanzwerkstatt Europa (TWE) hat den interessierten Dauerbesucher ganz schön geschlaucht. Nicht jeder Abend entsprach den Erwartungen. Durchgehende Euphorie wollte Heun auch gar nicht garantieren, eher provokative Konfrontation mit der freien Tanzszene, wie sie sich augenblicklich formuliert.

Und sie formuliert ganz heftig ihren Zweifel an sich selbst. Es wird ja neuerdings furchtbar viel geredet in so genannten Tanzstücken. Bei fünf von zehn TWE-Gästen! Tanz allein tut's nicht mehr. Sprache muss her als vehementes Transportmittel von Inhalten aller Art - was letztlich die Verunsicherung der Tanzmacher offenlegt, das Ungenügen am eigenen choreographischen Tun. Die Angst vor dem Versagen.

Genau die hat das Duo Simone Aughterlony/ Thomas Wodianka thematisiert. Schonungslos. Extrem. Die ganze bebende Performerseele nach außen gestülpt. Sie, Ex-Mitglied von Meg Stuarts Company, demonstriert, wie qual- und zweifelsvoll der performende Mensch den ersten Auftritt unzählige Male probt. Er, Ex-Marthaler-Schauspieler, liefert einen weit aufgerissenen Munch-Schrei, aber gellend und fortgesetzt über Minuten. Ein Schrei, begleitet von hilfesuchend offenen, von luft-knetenden, von abwehrenden Armen, von Ruckungen des Rumpfes und Kopfes, der einen im Mark trifft, zwischen Komik und Schrecken, als Klang und Bild gewordene Angst des Darstellers vor seinem Publikum.

Weiser Hofnarr

Wenn der Selbstzweifel szenisch und körperlich so genial umgesetzt ist wie bei diesem Duo, soll uns der vorweg gesprochene, zudem via mimische Ironie noch pointierte Text nicht stören.

Und wenn bei Jé´rô^me Bel gar nicht getanzt wird - was bei dem französischen Konzept-Choreographen fast die Regel -, dann ist seine als Performance getarnte Lecture-Demonstration wenigstens lehrreich und witzig. Bel befragt den thailändischen Tänzer Pichet Klunchun über seine Tanzkultur, lässt ihn Bewegungen vormachen. Und dann die Prozedur umgekehrt. Wobei Bel mit seiner immer kokett entwaffnenden Ehrlichkeit sein Unvermögen als Choreograph gesteht und das Gelingen des westlichen zeitgenössischen Tanzes auf das Maß eines Zentimeters zwischen Daumen und Zeigefinger reduziert.

Zeitgenössischer Tanz suche das Neue. Das sei jedoch schwer zu finden, sagt Bel. Aber zur Hervorbringung des Noch-Nicht-Dagewesenen subventioniere der Staat, zahle der Zuschauer. Filou Bel trifft's. Warum sonst hält sich die zeitgenössische Gemeinde diesen Jé´rô^me Bel als weisen Hofnarren?

Dem Neuen, Einmaligen auf der Spur ist auch der Belgier Pierre Droulers in seinem "Inoui" (noch nicht bekannt, unerhört). Nächtens albträumen sich Jugendliche und Büroangestellte zurück in einen Raum zwischen Freizeitzentrum und Konferenzsaal. In bizarr rutschenden oder rollenden Kopfüber-Figuren gleiten sie fast lautlos durch dieses Abstell-Lager, finden sich auf den großen Tischtennisplatten zu Kontakt-Pas-de-deux und erzeugen selbst leise eine geräuschige Partitur durch das Reiben ihrer Körper auf rauen Oberflächen.

Musik, wenn überhaupt, sickert in diese düster kafkaeske Welt als gedämpftes elektronisches Knistern, auch mal als Softpop-Gesäusel. Und Licht bestellen sich die Akteure selbst durch harsch gerufenes "Light" und "No light". Eine Andeutung auf die Tag-Nacht-Routine der menschlichen Existenz. Den Gral des "Unerhörten" muss Droulers weiter suchen, hat hier eine etwas zu lange, aber handwerklich solide Arbeit vorgelegt. Was nicht wenig ist.

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