Der Zweifelchrist

- "Schlug den Pharao,/ Schlug Sodom und Gomorra, schlug/ Schlug!", brüllt Jedermann. Er kann sich einfach nicht vorstellen, dass Gott nun, wo er über ihn zu Gericht sitzen wird, verzeihen könnte. Hat Jedermann sich selbst doch fast nie versöhnlich, großherzig gezeigt. Hierin liegt der eigentliche Lösungspunkt in Hugo von Hofmannsthals "Spiel vom Sterben des reichen Mannes", das traditionsgemäß die Salzburger Festspiele eröffnet; das seit deren Beginn 1920 - unabhängig von Opernglanz und Theatermoden-Aufregung - das Lieblingsstück für jedermann ist. Die Zuschauer wollen glauben: dem Zauber der Bühne, der wunderbaren Leibhaftigkeit der Schauspieler - und an diese Geschichte vom gütigen Gott. Das fordert auch der "Glaube" (sachlich-klar Elisabeth Schwarz) von Jedermann: gegen alle Lebenserfahrung die Gnade als Wirklichkeit akzeptieren.

Rivalinnen: Tod und BuhlschaftHeuer, wo Jedermann sich auf eine neue Buhlschaft (Nina Hoss) und Mutter (Bibiana Zeller), einen neuen Gott den Herrn (Karl Merkatz) und Tod (Ulrike Folkerts) einstellen muss, ist Peter Simonischek am besten. Er ist bei der Aussage angekommen, die ihn an diesem scheinbar altertümlichen Drama interessiert: bei  der  Religion.  Er ist der Lebemann - auffallend ausgiebig küsst er Nina Hoss -, der unverschämte Reiche, der von der Mutter wie ein Pubertierender genervte Sohn, der nicht heiraten, nicht Verantwortung übernehmen will. Viel stärker aber formt er den Mann aus, dem völlig unerwartet alles entrissen wird. Was ihm Maximilian Brückners fieser Sparifankerl-Mammon endgültig beweist. Simonischek zeigt einen Menschen, dem Unvorstellbares abverlangt wird. Und in Zeiten des Terrors sehen wir diese ungeahnt aufbrechende Not ganz anders als sonst. Seinen Gottsucher und "Zweifelchristen", seinen Jedermann hat Peter Simonischek jetzt gefunden.Daneben haben es die Neuankömmlinge schwer. In ihren kurzen Auftritten müssen sie sofort von null auf hundert kommen. Das schaffen Merkatz und Hoss nicht. Sie bleiben blass. Hoss lässt erst Format ahnen, als ihre Buhlschaft - eine entschlossene Frau, die sich im Recht weiß - abgeht: Jedermann verlässt. Besser steht Ulrike Folkerts der Tod. Sie hat zwar nicht das Bedrohungspotenzial ihres Vorgängers Jens Harzer, ist, weiß gekalkt wie er, jedoch eben durch ihre Weiblichkeit eine spannende Figur. Als Madame Tod kann sie sich zärtliche Gesten für Jedermann leisten, wird zur siegreichen Rivalin der Buhlschaft. Bibiana Zeller setzt als Mutter versiert aber ohne den knorrigen Witz von Jennifer Minetti einen "Stiftsfräulein"-Akzent.Regisseur Henning Bock hat Christian Stückls Inszenierung belassen, so wie es der Wille des ebenfalls neuen Salzburger Schauspielchefs Martin Kusej war. Der musste gleich zum Start seiner Amtszeit die Zuschauer im Großen Festspielhaus übers Wetter und den "verlorenen" Domplatz hinwegtrösten. In der Schwärze des Theaterraums mit seiner riesigen Glaubens-Skulptur (Bühne, Kostüme: Marlene Poley) erweist sich das Hindrängen der Inszenierung auf das christliche "Confessio" als besonders plastisch. Die schon im Vorspiel mit den Riederinger Kindern angeschlagenen Tod- und Teufelsmotive tauchen immer wieder auf: bis in die fast ganz schwarz gewandete Festgesellschaft, bis ins angedeutete Teufelshinken des "guten Gesells". Tobias Moretti hat diesen Charakter noch verschärft, nimmt ihm durch Sadismus und aalige Falschheit alle Sympathiewerte. Die behält sein behänd-bocksfüßiger Teufel, der nicht fassen kann, dass man ihm sein "gfundnes Fressn" abspenstig machen darf. Er ist am Ende der Jedermann, der nicht glauben kann. Und wenn er die Zuschauer direkt anspricht, stellt sich die Frage: Sind wir wie er?

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