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Der Erler Festspielbezirk: Links das Passionsspielhaus, das weiter im Sommer bespielt wird, rechts der Rohbau des Winter-Festspielhauses.

Zweite Heimat für eine große Idee

Erl - Der Rohbau ist fertig: Für 36 Millionen Euro entsteht im Tiroler Dorf Erl ein Winter-Festspielhaus.

Hell hebt es sich von den dahinter liegenden Bergrücken ab. Fast gleißend steht es am Eingang des Inntals, von der Autobahn aus gut zu sehen. Doch bald bekommt das Passionsspielhaus Erl Konkurrenz, und dies von einem jüngeren Bruder, der im Winter den Spieß umdrehen wird. Wenn der ältere Bau dann in der Schneelandschaft fast verschwindet, wird eine schwarze, flache Architektur hervortreten, die an eine Riesenversion des US-Tarnkappen-Bombers erinnert: das neue Festspielhaus, Heimat für die Erler Winterfestspiele.

Während also andernorts, zum Beispiel in München, um neue Konzertsäle gerungen wird, hat Gustav Kuhn den Coup geschafft. Für 36 Millionen Euro lässt der Dirigent, Regisseur, Intendant der Tiroler Festspiele und selbst erklärte „Wahnsinnige“ einen Musentempel errichten. Der Rohbau steht, gestern führten die Verantwortlichen (naturgemäß begeistert) übers Gelände. Spendiert hat dieses Projekt vor allem Hans Peter Haselsteiner. Der ist dank Kuhn zum Festspiel-Präsidenten befördert worden, im Hauptberuf allerdings Chef der Strabag, eines der größten Bauunternehmen Europas. Haselsteiner übernimmt zudem die Unterhalts- und Bespielungskosten. Acht Millionen Euro kommen vom Land Tirol, weitere acht Millionen vom österreichischen Staat – eine Zusage für Letzteres steht allerdings noch aus.

Exakt 862 Plätze hat das neue Festspielhaus, 732 auf der Zuschauertribüne, 130 mobile im Bereich des Orchestergrabens. Und der ist mit 160 Quadratmetern nach Auskunft der Erler sogar der größte der Welt. Geplant wurde der Bau vom Wiener Büro der Delugan Meissl Associated Architects.

Für Erl ist dies ein Quantensprung. Im Sommer lockt Kuhn weiterhin mit seinem gewohnt Wagner-lastigen Programm ins Passionsspielhaus, im Winter (oder in den Jahren der dörflichen Passion) kann nun auf den beheizten Nachbarbau ausgewichen werden. Die erste Festivalsaison bietet dort Mozart, Belcanto und ein ambitioniertes Konzertprogramm. Für die Eröffnung tritt Kuhn, ganz untypisch, sogar in die zweite Reihe: Der erste Termin im neuen Bau wird am 26. Dezember 2012 von sechs Nachwuchsdirigenten bestritten. Italienisches und Zeitgenössisches wird im Konzertteil gespielt, nach der Pause präsentiert Kuhn dann seine Inszenierung von Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“.

Nicht nur eine neue, winterfeste Bühne entsteht da im Inntal, zugleich bedeutet dies für die Tiroler Festspiele auch das Ende vieler Provisorien. Das Festspielhaus ist nämlich Heimat für Orchester, Chorakademie, Kostümmanufaktur und Verwaltungsabteilung. Und die Heimat einer „großen Idee“, wie es die Erler sehen – „der Idee, die Beschäftigung mit Musik als Liebesbeschäftigung zu begreifen, die viel mehr von Leidenschaft geleitet ist als vom Kommerz“.

Seit 1997 verwirklicht sich Gustav Kuhn dort diesen Traum. Mit Wagners „Rheingold“ startete er seinerzeit seine ersten Festspiele. Der ganze „Ring“ folgte – und alle weiteren Werke des Bayreuther Kanons. Aktiv sind im Inntal vor allem Künstler seiner Accademia di Montegral, einer Nachwuchsschmiede in der Nähe des toskanischen Lucca.

„Ein Festspielbezirk“, so formulierte es gestern Präsident Hans Peter Haselsteiner, entstehe da im Inntal-Dorf. Kuhn sieht es aphoristisch bis philosophisch: „Wenn jeder einzelne Mensch in seinem Bereich das Richtige macht, geht alles mehr und mehr in die richtige Richtung.“

Markus Thiel

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