Das ist die Zweite Moderne

- Verständlich, dass diese Zahlen das Direktorium der Salzburger Festspiele in Hochstimmung versetzten: 93 Prozent Platzausnutzung (plus 1,5), 1,6 Millionen Euro mehr Einnahmen als veranschlagt - ökonomisch gesehen sei dies, so rühmt man sich, die erfolgreichste Saison seit Ende der Karajan-Ära gewesen. Demnächst soll auch die Renovierung des Kleinen Festspielhauses starten. Und doch steht das weltweit berühmteste Kulturspektakel vor wirtschaftlich kniffligen Zeiten, unter denen die Planungen leiden könnten, wie Intendant Peter Ruzicka betont.

<P></P><P>Sind in Ihrem ersten Salzburger Sommer alle selbst gesteckten Ziele erreicht worden?<BR>Ruzicka : Alle können nie erreicht werden. Aber der Beginn mit dem "Don Giovanni" markierte einen wichtigen Doppelpunkt, der auf diese Festspiele und auch auf die nächsten Jahre einwirkt. "La clemenza di Tito" 2003 ist die nächste Station des Teams Harnoncourt/Ku|6sej, 2005 folgt der "Figaro". Es gibt kaum jemanden, der sich nicht freut auf diese Fortsetzungen.<BR>Man hat Visionen, man braucht Künstler, die diese Visionen realisieren. Daran und an der Erwartungshaltung gemessen, die auf uns lastete, dürfen wir sehr zufrieden sein. Das Publikum hat ja dadurch, dass es uns die Karten schier aus der Hand gerissen hat, den Festspielen attestiert, dass unser Weg nicht falsch sein kann.<BR><BR>Die Festspiele müssen mit Kürzungen der öffentlichen Gelder kämpfen. Welche Auswirkungen hat das konkret?<BR>Ruzicka : Zunächst die, dass wir 2003 eine ursprünglich geplante szenische Opernproduktion durch eine konzertante ersetzen müssen. Das betrifft "Die Ägyptische Helena" von Strauss. Ich halte das für keinen dramatischen Nachteil, das Stück ist dramaturgisch ein Grenzfall. Meine Sorgen gelten eher den Folgejahren. Hier gibt es die Problematik, dass vier Subventionsgeber in einer Art gleichen Taktung Geld zuschießen. Die Stadt Salzburg hat angekündigt, sogar drei Prozent zu kürzen. Damit würden die anderen drei Subventionsgeber, die gar nicht so weit zurückfahren wollten, mitgezogen. Auf zwei, drei Jahre würde dies zu solchen Reduktionen zwingen, dass mein Konzept bis 2006 nicht durchzuhalten wäre.<BR><BR>Ihnen wurde vorgeworfen, dass sich die Festspiele dieses Jahr vor der Hochkulinarik verbeugt hätten. . .<BR>Ruzicka : Alle, die seit vielen Jahren anreisen, bestätigten mir, dass das eine Sinnestäuschung sein muss. Auch 2002 kamen dieselben Publikumskreise wie früher. Wenn Herr Moshammer samt Hund Daisy erklärt, die Festspiele entsprächen jetzt seinen Vorstellungen und deshalb einige Leute folgern, unsere Projekte könnten künstlerisch nichts taugen - ich glaube, dieser Zirkelschluss funktioniert nicht. Ich freue mich sicher nicht über alles, was in Salzburg passiert. Ich kann nicht verwehren, dass die Festspiele auch von einigen nicht aus künstlerischen Dingen besucht werden. Aber das passiert woanders auch.<BR><BR>Der milliardenschwere US-Mäzen Alberto Vilar verfügt nicht mehr über das imposante Finanzpolster wie früher. Was heißt das für Salzburg?<BR>Ruzicka : Mit ihm wurde vereinbart, dass im Rahmen des Vertrages, der bis 2004 läuft, nun seine Zahlungstranchen gestreckt werden. Das liegt eben an den amerikanischen Aktienmärkten, die ziemlich eingebrochen sind. Für diese Streckung muss man Verständnis haben nach all dem, was Vilar Salzburg geschenkt hat. Das sind immerhin ungefähr neun Millionen Euro. Wir haben dieses Jahr aber so hohe Mehreinnahmen, dass uns dies nicht in Liquiditätsprobleme bringt.<BR><BR>Welche Produktion hat Ihnen im Schauspiel am besten gefallen?<BR>Ruzicka : Da war ich besonders angetan von den drei Produktionen des "Young Directors Project", die neue Zeichen gesetzt und gezeigt haben, wie lebendig die Theaterbranche ist. Dieses Projekt ist auch wichtig, um spontan reagieren zu können auf aktuelle Entwicklungen, die Hauptproduktionen sind ja auf Jahre im Voraus geplant.<BR><BR>Und bei den Opern? <BR>Ruzicka : Wohl doch der "Don Giovanni", weil das die zukunftsweisendste Theaterarbeit gewesen sein dürfte. Ich glaube, dass die neue Bilderwelt, die ich mir erträume, diese "Zweite Moderne", hier weitgehend verwirklicht ist.</P><P>Das Gespräch führte Markus Thiel</P>

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