Im zweiten Akt kam das Aus - "Ring"-Auftakt mit "Walküre"

München - Geraubter Ring führt zu heißblütigem Inzest mit doppelter Todesfolge plus Kampf um die Weltherrschaft: Nichtigkeiten im Vergleich zu den wahren Wiener Dramen. Die provozierten schon Buhrufe, bevor Opernchef Ioan Holender vor dem dritten Aufzug überhaupt ein Wort herausbrachte und folglich den gekränkten Pfau spielte. Denn diese neue "Walküre" fällte werkgemäß nicht nur Siegmund und Hunding, sondern gleich einen weiteren Recken.

Juha Uusitalo, von vielen als Wotan der kommenden 20 Jahre gepriesen (und überdies Münchens Premieren-Holländer), erlebte im zweiten Akt einen dramatischen Stimmverlust, sodass per Handy Oskar Hillebrandt alarmiert wurde. Der genehmigte sich laut Holender gerade am Westbahnhof eine Pizza ­ gottlob keinen Döner. Frisch gestärkt und unerschrocken kraftmeiernd sang Hillebrandt den dritten Akt von der Seite, während Uusitalo spielte. Ein Schock, von dem sich die Aufführung nur mühsam erholte.

Dabei hatten sich doch die Argusaugen der Musikwelt auf den Brennpunkt Wien gerichtet. Ein neuer "Ring des Nibelungen", geschmiedet in zwei Spielzeiten und ungewöhnlicherweise 2009 mit dem "Rheingold" als letzter Premiere, ist gerade hier der Ausnahmezustand. Hinzu kommt, dass damit Franz Welser-Möst, musikalischer Chef ab 2010, den künftigen Arbeitsplatz quasi scheibchenweise entert.

Mit Sven-Eric Bechtolf, dem zunehmend regieverliebten Schauspieler, bildet Welser-Möst seit der künstlerischen Zürcher Verlobung ein Dauer-Paar. Bechtolf bietet gern gediegene Menschenschau und gelegentliche Ambitionsanfälle, stört aber sonst nicht weiter. Das bringt den Primat der Musik, für Wagners Weltentwurf freilich den Zuschauer nicht unbedingt weiter.

Löblich ist, dass da einer den Deutungsdruck vom "Ring" nehmen will, also auf koffertragende Helden und Politgangster verzichtet, sich folglich für die Wesen unter der häufig nur zeitgeistigen Verkleidung interessiert. Im ersten Aufzug, in dem Wagners Musik ja überdeutlich Gesten und Gänge vorgibt, funktioniert das auch.

Mit Nina Stemme (Sieglinde) und Johan Botha (Siegmund) steht Bechtolf allerdings ein Wälsungenpaar zur Verfügung, das seinesgleichen sucht. Stemme mit gehaltvoll dunkler Dramatik und jubelnden Höhen, Botha mit perfekt geführter, überwältigender Stimme: Diesem Tenor gelingt alles, notfalls wohl auch das Umschalten zum Tamino. Einziges Problem ist, dass Botha den Gegenpol zur Bayreuth-Besetzung Endrik Wottrich bildet ­ der ja mäßig singt, aber Bella Figura macht. Mit Ain Angers schwarzstimmiger Jugendlichkeit verkommt Hunding überdies nicht zum flachen Fiesling. Kurz: Ein erster Akt, der Wiens wankelmütiges Publikum in Ekstase versetzte.

Was Bechtolf und Bühnenbildner Rolf Glittenberg vorschwebt, ist eine Einheitsszenerie für den "Ring": ein klassizistischer Raum, der mit wechselnden Elementen bestückt wird. Manchmal modisch nett (der Video-Feuerzauber von fettFilm), gelegentlich mit Gewinn (im ersten Akt die symmetrische Reduktion auf langen Tisch und schmaler "Weltesche"), manchmal mit Verlust: die unmotivierten Pferdestandbilder, zwischen denen Helden in Bademänteln hereingetrieben werden. Offenbar wurden sie aus dem Wellnessbad entführt.

Ohnehin neigt Bechtolfs Zeichensetzung vom Holzspielzeug Siegmunds bis zu den leeren Kinderbettchen der Walküren zur Verdoppelung, kaum zur hintergründigen Erhellung. Vieles wirkt beliebig, oft friert die Szene auf Standbild-Pathos ein ­ was auch am Fall Uusitalo liegen könnte.

Dass Franz Welser-Möst ein exzellenter Handwerker ist, zeigt sich an diesem Störfaktor. Ansonsten setzt Wiens künftiger General auf scharf umrissene Gesten und eine kantige, häufig sehr flotte Dramatik. Ein genießerischer Detailfummler à la Thielemann ist Welser-Möst nicht, dafür schaut er souverän auf die Gesamtstruktur: eine schneidige Interpretation, die Einzelmomente und klangliche Stufungen profiliert, ohne sie gleich auszustellen, und sich im dritten Akt geradezu entfesselten Momenten hingibt.

Sänger werden so nicht als klangliches I-Tüpferl missbraucht, möglich ist ihnen vielmehr eine Phrasierung, die sich am Satzrhythmus orientiert. Die "Todverkündigung" etwa missrät nicht zum pastosen Strömen, offenbart dafür ihren Charakter als Disput zwischen Siegmund und Brünnhilde.

Mit Eva Johansson jedoch hat sich das Haus keinen Gefallen getan. Die Stimme klingt überreizt und übersteuert, manch angeheulte Töne rasten nicht sofort ein ­ ein Wunder, wenn der Herr Direktor für die künftigen "Ring"-Premieren nicht wieder zum Handy greifen würde. Johansson kassierte (wie zunächst auch Welser-Möst) einige Buhs, bei Bechtolf überwog die Ablehnung, der Rest, darunter die eher unterforderte Michaela Schuster (Fricka), wurde gefeiert.

Klaus Bachler, "Burg"-Direktor und ab kommender Saison Münchens Opernchef, saß im Parkett und dürfte einige Erkenntnisse gewonnen haben: wen er dringend an die Isar holen sollte ­ und wer ruhig in Wien bleiben darf.

Weitere Aufführungen 6., 9., 13., 16. und 20. Dezember (Tel. 0043/ 1/ 513 1 513).

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