Zwergschulen: Wie man das Leben lernt

- Seit bald 20 Jahren gilt Nicolas Philibert (51) als einer der besten Dokumentarfilmer Frankreichs. Geschlossene Welten scheinen ihn besonders zu interessieren: Er behandelt so unterschiedliche Themen wie die französische Käsekultur ("La face nord du camembert", 1985), das Innenleben des Pariser Louvre ("La Ville Louvre", 1990) oder Taubheit ("Land der Stille", 1998). In seinem neuen Film, "Etre et Avoir" ("Sein und Haben"), für den er am Samstag in Rom mit dem Europäischen Filmpreis für Dokumentarfilme ausgezeichnet wurde, porträtiert er ein Jahr in einer Zwergschule in einem Dorf des französischen Zentralmassivs. Dabei ist "Sein und Haben" auch ein mitreißendes Werk über das Erwachsenwerden.

<P>Wie kamen Sie auf Ihr Thema?<BR>Philibert : Zunächst hatte ich zwei vage Wünsche: Ich wollte einen Film über das Landleben machen, sprach mit Bauern, besuchte Höfe. Und dann wollte ich unbedingt einen Film darüber drehen, wie man das Lesen lernt. Später überlagerten sich diese beiden Interessen. Aber ich spreche lieber von "Projekten", nicht von "Thema". Ein Projekt ist ein Versprechen auf etwas, es ist der Beginn eines Abenteuers.<BR><BR>Sie zeigen eine Zwergschule. Wie viele solcher Schulen gibt es überhaupt?<BR>Philibert : Tausende. Etwa 400 von ihnen haben nur eine einzige Klasse. Ich habe etwa 100 besichtigt und entschied schließlich nach filmischen Kriterien: Es sollten nicht zu viele Kinder in der Klasse sein, damit die Personen identifizierbar blieben, der Altersunterschied sollte eher groß sein. Und natürlich war die Persönlichkeit des Lehrers sehr wichtig. Georges Lopez ist ein besonders interessanter Mensch, er war auch stark genug, um sich nicht durch die lange Anwesenheit der Kamera irritieren zu lassen.<BR><BR>Nun scheint aus deutscher Sicht die Schule in Frankreich eine vergleichsweise wichtigere Rolle zu haben. Seit der Revolution gibt es die Tradition der "Schule der Nation", der Erziehung zum Staatsbürger. Lehrer sind in Frankreich weitaus geachteter als hier, Bannerträger der Republik. . .<BR>Philibert : Tatsächlich: Schule in Frankreich heißt Republik. Es ist "unsere" Schule, etwas, an dem alle Bürger Anteil haben, nicht allein die Regierung. Unsere Schule ist laizistisch, Religion hat in ihr nichts zu suchen, es geht um Erziehung zu einer liberalen, modernen Gesinnung. Das gilt für Zwergschulen genauso wie für alle anderen. Ich hätte etwa den gleichen Film auch in einem Pariser Vorort mit 30 gleichaltrigen Schülern machen können. Denn mich hat das Verhältnis von Schülern und Lehrern interessiert. Mir ging es darum zu zeigen, wie man "das Leben lernt". Ich hoffe, in meinem Film Alternativen zum Üblichen zu zeigen, darzustellen, wie man auch lernen kann. In diesem Sinn ist es ganz egal, ob die Schule in Frankreich, Deutschland oder Guatemala steht.<BR><BR>"Das Leben lernen" - das ist ein durchaus idealtypisches Konzept von Schule. Entspricht es der Realität? Oder zeigen Sie ein Gegenmodell?<BR>Philibert : Ich habe nichts Modellhaftes gesucht. 98 Prozent der Schulen, die ich besucht habe, waren sich sehr ähnlich. Insofern ist das ein authentisches Bild.<BR><BR>Dokumentarfilm ist normalerweise ein TV-Genre. Von welchem Moment an wird eine Dokumentation zu "grand cinema", zum Kino?<BR>Philibert : Am Thema liegt das jedenfalls nicht, denn es gibt ja keine "würdigeren" Themen. Auch nicht an der Form. Sondern er wird dann Kino, wenn er sein Thema transzendiert, etwas Universelles berührt.</P><P>Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland</P>

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