Zwielicht der Wahrheit

- Wie Burroughs schaut der Typ aus, nein, wie Henry Fonda oder doch wie Robert Duvall? Der Alte an der Tankstelle in dem öden texanischen Kaff namens Marfa erscheint Niklas Kalf als wandelndes Kaleidoskop von Hollywoods harten Kerlen bis hin zu Al Pacino, De Niro - und dem Marlboro-Mann.

 Aber im Grunde sieht der Deutsche, dem in den USA eine Lebenskatastrophe widerfährt, in dieser Gestalt den Leibhaftigen persönlich. Der nimmt ihn voller Ironie zur Kalbfütterung ("calf") mit und bietet nicht nur hübsche Kino-Showeffekte - "Ist alles nur für dich, mein Sohn" -, sondern verwickelt den Mann des Schreibens auch in moralphilosophische Gespräche; wie es ja literarische Teufel gerne tun: "Du glaubst wahrscheinlich, dass der Mensch von Natur aus gut ist."

",Grauenvoll an dieser Landschaft ist’, sagte Franz Holdt leise . . ., ,dass hier gar nichts etwas bedeutet. Selbst Auschwitz hätte nichts bedeutet.’"

Thomas Hettche

Thomas Hettche (Jahrgang 1964) setzt in seinem Roman "Woraus wir gemacht sind" den Protagonisten, der sich nicht als Schriftsteller sieht, sondern als Biografen, einer ziemlichen Tortur aus. Der Brav-Biedermann kommt mit der schwangeren Ehefrau Liz nach New York zu einem Arbeitsbesuch mit seinem Verleger. Es geht um die Lebensgeschichte des jüdischen Naturwissenschaftlers Eugen Meerkaz, die seine Witwe in Auftrag gegeben hat. Was zunächst nach Intellektuellen-Gespreize im Big Apple ausschaut, wird blitzartig zum Thriller.

Liz ist verschwunden, und eine Dame, ausgerechnet Venus genannt, erpresst Kalf im Namen von Filmproduzent Jackson. Der will mit aller Gewalt brisantes Material aus Meerkaz' Nachlass. Das kennt Niklas aber nicht, geschweige denn dass er es besäße. Und Frau Meerkaz lässt sich hartnäckig verleugnen.

Wir kennen - wie Hettche auch - jene Leinwandaufreger von Hitchcocks "39 Stufen" mit Robert Donat bis Polanskis "Frantic" mit Harrison Ford, in denen wackere, total friedfertige, durch und durch zivilisierte Bürgersmänner zu Actionhelden mutieren: Schließlich müssen sie um ihre Familie kämpfen. Niklas Kalf wird auch durch so eine Teststrecke geschickt. Die geht er jedoch zunächst äußerst gemächlich an, weil er sich kaum aus seiner Schock- und Einsamkeitsstarre lösen kann. Immerhin schafft er es von New York nach Marfa. Hierher führt die einzige Meerkatz-Spur. Denn von dort stammt der Brief eines gewissen Hans, den dieser nach dem Explosionstod des Wissenschaftlers an die Witwe geschrieben hatte.

Der Autor lässt nun seine Figur ausgiebig in Marfa verweilen. Da kann sie über Hans, einstmals Häftling im längst geschleiften Kriegsgefangenenlager, ebenso nachdenken wie über den Namen Marfa. Er ist einer Frauengestalt aus Dostojewskijs Werk "Die Brüder Karamasow" entlehnt. In der texanischen Wüste nahe Mexiko verwebt Hettche also genießerisch tüftelnd und sich bisweilen verzettelnd europäische Feinst-Kultur mit der ungezähmten Natur des amerikanischen Kontinents, Donald Judds minimalistische Kunst in der dortigen Fondation - sehr schön geschildert - mit ebenso liebevoll geschilderten Kleinstadtszenen.

Der Autor geht ganz auf in der neudeutschen Tradition der USA-Sehnsucht, die mit Hassliebe gesättigt ist. So reiht sich Thomas Hettches "Woraus wir gemacht sind" ein hinter Wim Wenders' Filmen wie "Paris. Texas", Percy Adlons "Out of Rosenheim" oder gar Christa Wolfs "Wüstenfahrt" in den weiten Westen. Natürlich ist der Autor sich dieser Künstlichkeit, dieses Deutsch-Westerns - ironischerweise in der Nachfolge von Karl May - bewusst.

Nach und nach verschärft er das Surreale, das Kinohafte. Es kommt schließlich in immer schnelleren Abständen zu Szenen, denen wir nur im Film Glaubwürdigkeit zubilligen. Jetzt wird geprügelt, gevögelt, verraten, gestorben. Jetzt wird der Biograf, der sich aufs Zuschauen, aufs Einfühlen versteht, zum Heros, zum Tatkräftigen - todwund, von Schurken umstellt. Und rettet - aus einem alten Kino (hört, hört!) seine Frau, die inzwischen sein Kind geboren hat. Dann weiß er auch, "woraus wir gemacht sind": "Nichts als ein Hauch."

Dass man in diesen raffiniert angerichteten Hollywood-Schwulst auch Arier-Wahn, Okkultismus, ein mordendes Mädchen, den Ausbruch des Irak-Kriegs und die Rolle der USA als neues Imperium Romanum einrühren kann, nimmt man Thomas Hettche dank seines speziellen Schwebe-Stils ab. "Das Zwielicht der Wahrheit. Das ist sehr europäisch!", konstatiert der Teufel. Recht hat er: Deswegen kann das Imperium Americanum nicht wirklich zurückschlagen.

Thomas Hettche: "Woraus wir gemacht sind". Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln, 320 Seiten; 19,90 Euro. Ab morgen im Handel.

Der Roman ist für den Deutschen Buchpreis 2006 nominiert.

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