Zwiesprache mit Gott

- Das behauptet sich so leicht auf den Plakaten: "Anton Bruckner freut sich schon sehr auf Christian Thielemann." Gefreut hätte er sich, vielleicht auf den neuen GMD der Münchner Philharmoniker, mit Sicherheit aber darüber, dass seine Symphonien überhaupt gespielt werden. Dass er endlich anerkannt wird - völlig zu Recht, wie Bruckner sich einschätzte, fühlte sich er, der Selbstbewusste, doch von "höherer" Bestimmung angetrieben.

<P>Klischees vom weltfremden Kauz werden widerlegt</P><P>Ein wunderlicher Kauz, weltfremd bis beschränkt, dem seltsamerweise symphonische Dome gelangen: Constantin Floros, einer der wichtigsten Bruckner-Forscher, widerlegt dieses Klischee noch einmal in seinem neuen Buch "Anton Bruckner - Persönlichkeit und Werk". Es ist keine klassische Biografie, sondern eine sehr lesenswerte Annäherung mittels psychologischer Fragestellungen, das zeigen schon die Kapitelüberschriften "Neurose", "Libido" oder "Verfolgungswahn". Und es ist eine scharfsinnige Darlegung, wie eng und bewusst Leben und Werk bei diesem Linzer Meister verzahnt waren. Biografisches verabreicht Floros in kleinen Dosen, gerade so viel, um die Werk- und Charakteranalysen zu unterfüttern.</P><P>"Eine großartige Vereinigung von Gegensätzen" zeichne die Symphonien aus: "Strenge und Üppigkeit, Schlichtheit und Ekstatik, Bangigkeit und Feierlichkeit". Und immer wieder tief empfundene Religiosität. Bruckner, der Dom-Organist, empfand Komponieren als Zwiesprache mit Gott, zeigte auch Interesse an außergewöhnlichen Phänomenen, an Todeserfahrungen. Und hatte gegen Ende seines Lebens sogar religiöse Visionen, wie Nahestehende berichten.</P><P>All dies ist laut Constantin Floros in die Symphonien eingeflossen. Denn die sind, das belegt er eindrucksvoll und mit Notenbeispielen, über Zitate und Motivanklänge eng mit den geistlichen Werken Bruckners verknüpft. Wie es ja im Grunde gar keine Musik im absoluten Sinne gebe, meint Floros, sei diese doch stets von Außermusikalischem, auch von der "inneren Welt" bestimmt.</P><P>Die Charakter-Einschätzungen stützt Constantin Floros auf Briefe Bruckners und Kalender-Aufzeichnungen. Wer war also Anton Bruckner? Der Autor zeichnet ein sehr heterogenes Bild: Bruckner war demütig bis zur Unterwerfung, sehr einsam und extrem erregbar, zugleich vom eigenen Werk überzeugt, auch wenn er auf "Verbesserungsvorschläge" seiner Vertrauten einging. Er war ein Künstler, der sich gern musikalisch fortbildete, offen für Neues war und sich dabei bis zur Nervenkrankheit überarbeitete. Und er war ein unglücklicher Liebhaber, dessen Avancen (zu) junge Frauen dauernd abwiesen.</P><P>In Wien, wo Bruckner eine Professur am Konservatorium der Musikfreunde bekleidete, hat er sich nie wohlgefühlt. Was vor allem an der geballten Missgunst lag, am Unverständnis, das seinen Werken entgegenschlug. Erst im siebten Lebensjahrzehnt erlebte Bruckner erste Triumphe. Wobei Floros darauf hinweist, dass der ärgste Widersacher des Komponisten, der Kritiker Eduard Hanslick, anfangs Sympathie empfand - als er etwa den "sehr ernsten, pathetischen Charakter" der zweiten Symphonie lobte.</P><P>Bruckners Problem war, dass er zur "Partei Wagners" gezählt wurde. Floros beleuchtet diesen Aspekt natürlich, viel interessanter - und für manchen wohl überraschend - ist jedoch, welchen Einfluss das Schaffen von Hector Berlioz, vor allem aber das von Wagners Schwiegervater Franz Liszt ausübte. Die ungeheure Modernität von Bruckners Symphonien sei seinerzeit nicht verstanden worden. Heute, wie Floros abschließend bemerkt, umso mehr. "Weil schließlich ungezählte Menschen gerade heute einen Sinn für das Spirituelle in seiner bewegenden Musik entwickelt haben." Christian Thielemanns Antrittskonzert mit Bruckners Fünfter dürfte das am Wochenende wieder beweisen.</P><P>Constantin Floros: "Anton Bruckner. Persönlichkeit und Werk"<BR>Europäische Verlagsanstalt Hamburg<BR> 292 Seiten; 26 Euro.<BR></P>

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