Zwischen Biergarten und Götterwelt

- 2004 war das Jahr, in dem die vielfach diskutierten Sparmaßnahmen greifen sollten. Mit Sorge hatte die Kunstwelt vor zwölf Monaten auf diese trüben Aussichten geblickt. Aber die Münchner Museumskuratoren und Ausstellungsmacher ließen sich nicht entmutigen, stemmten sich mit viel Energie, Eigenleistung und Einfallsreichtum gegen die gängige Jammerhaltung. Das Kunst-ABC wirft einen Blick zurück auf diese Unternehmungen. (Das Theater-ABC folgt.)

<P class=MsoNormal>Altenbourg, Gerhard, war einer der eigenwilligsten Maler-Zeichner Deutschlands. Seinen sanft versponnenen Strichelkünsten widmete die Staatliche Graphische Sammlung in der Pinakothek der Moderne eine wunderbare und obendrein umfassende Ausstellung (Sommer). Mit den großflächigen "Wand"-Arbeiten von Aernout Mik konnte das Haus der Kunst Videofilm und Architektur so geschickt verknüpfen wie Mik seine Realitätsebenen (Sommer).</P><P class=MsoNormal>Byzanz stellt die Archäologische Staatssammlung mit einer aufregenden, großen Schau als Bindeglied zwischen Ost und West, zwischen Antike und Christentum vor (bis 3. April). Bernd und Hilla Becher gehören zu den bedeutendsten und prägendsten Künstlern Deutschlands in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ab Juni war eine Mega-Präsentation ihrer "Typologien" im Haus der Kunst zu sehen. Franz Anton Bustelli war der genialste Meister des Rokoko-Porzellans. In seine Figuren muss sich jeder verlieben. Wunderschön präsentiert sind sie im Bayerischen Nationalmuseum (bis 13.3.).</P><P class=MsoNormal>Cornelius, Peter, entwarf wandfüllende Zeichnungen für die Fresken, die Klenzes frisch gebaute Glyptothek ausschmückten. Die Gemälde sind zerstört, die enormen Götterwelten auf Papier kann man hingegen im Haus der Kunst noch bis 9. Januar erleben. David Claerbouts Filme im Kunstbau des Lenbachhauses verschmelzen bildende Kunst und opulentes Kintopp. Ein raffiniertes Vergnügen wird da geboten - ein herausragender Ansatz (bis 16.1.).</P><P class=MsoNormal>Dalí, Salvador, feierte seinen 100. Geburtstag. In München ehrte ihn nur die Galerie der Landesbank mit einer Grafik-Exposition. Die Exposition "Schatzhäuser Deutschlands" versammelt im Haus der Kunst ein buntes Panorama aus Kunst und Kunsthandwerk von der Antike bis heute: alles aus adeligen Privatsammlungen (bis 13.2.). </P><P class=MsoNormal>Ernst Wilhelm Nays Gouachen und Aquarelle verzauberten mit ihrer heiteren Leichtigkeit in den Räumen der Graphischen Sammlung in der PDM (ab Mai).</P><P class=MsoNormal>Fotografie hat unseren Alltag und mittlerweile auch die Kunstwelt erobert. Einen phänomenalen Überblick über ihre Ursprünge und Entwicklung gab die Hypo-Kunsthalle (Frühjahr). Flämischer Barock ist seit Rubens' Zeiten fest in Bayern beheimatet. Eine Ausstellung in der Alten Pinakothek lieferte einen Eindruck von dem geplanten Barock-Museum für Schloss Neuburg an der Donau.</P><P class=MsoNormal>Gauguin, van Gogh bis Dalí´ ist ein opulentes Gastspiel des Essener Folkwang-Museums in der Hypo-Kunsthalle. Ein imponierendes Angebot an hochkarätigen Arbeiten der Klassischen Moderne (bis 9.1.). Die Sammlung Goetz hat nicht nur neue Videoräume hinzugewonnen, sondern bot auch 2004 einen besonderen Blick auf Künstler oder Themen; zurzeit Doug Aitken und Richard Prince (bis 7.5.).</P><P class=MsoNormal>Hochhäuser wurden in München heftig diskutiert. Es ging vor allem um die Höhe und Kommerz, aber viel zu wenig um die Qualität der Baukunst und das stadtplanerische Konzept, wo sinnvollerweise Hochhäuser entstehen könnten. Falsche Argumente - falscher Bürgerentscheid. Glück hatten hingegen die Hochschule für Fernsehen und Film und das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst. Der Architekturwettbewerb für den Standort an der Gabelsbergerstraße gegenüber der Alten Pinakothek wurde im Oktober entschieden. Preisträger ist das Kölner Team Böhm. </P><P class=MsoNormal>Isa Genzken, Trägerin des Internationalen Kunstpreises der Kulturstiftung der Stadtsparkasse München, gestaltete den Museumsplatz am Lenbachhaus mit verspieltem G'lump, hehre Kunst subversiv untergrabend (ab Mai).</P><P class=MsoNormal>Jugendstil hat eine speziell münchnerische Ausformung. Der trugen die Villa Stuck und das Stadtmuseum mit dem noch nicht ganz fest installierten "Jugendstilmuseum" in der Villa Rechnung (bis 16.1.). Japan  war 2004 stark in hiesigen Institutionen vertreten. Zum Beispiel im Völkerkundemuseum Kunsthandwerk aus der Präfektur Gifu im Zentrum des Landes (Herbst) oder die schlichte Architektur von Kazunari Sakamoto im Architekturmuseum in der dritten Pinakothek (bis 9.1.) sowie die Comic-inspirierte Kunst von Yoshitomo Nara und Hiroshi Sugito (PDM, bis 6. Februar).</P><P class=MsoNormal>Kunstverein: Das Institut am Hofgarten ist als Münchner Ort der Kunst völlig aus dem Bewusstsein entschwunden - ein Fiasko, das der Verein mit der Berufung der Leiterin Maria Lind angerichtet hat. Hoffnungsschimmer: der Neustart von Stefan Kalmá´r, der in England Ausstellungserfahrungen gesammelt hat.</P><P class=MsoNormal>Lenbachs 100. Todestag stand am 6. Mai an. Die Schack-Galerie präsentierte sein sonnendurchwärmtes Frühwerk, die Neue Pinakothek die berühmten - dunkel gehaltenen - Porträts der Zeitgenossen Franz von Lenbachs. Lamborghini hieß der Design-Mythos-Höhepunkt in der Neuen Sammlung in der Pinakothek der Moderne. Derart viele dieser Traum-Automobile auf einmal wird man so schnell nicht mehr zu sehen bekommen (Sommer). "Lockender Lorbeer"  in den Antikensammlungen gegenüber der Glyptothek war ein anderes Highlight. Dort erfährt man auf unterhaltsame alles über den Sport in der Antike (bis 31.5.).</P><P class=MsoNormal>Mythos Bayern: Den erforscht das Stadtmuseum zwischen Gebirgsidyll und Kunstsinnigkeit, zwischen Biergarten und Fasching (bis 27.3.). München selbst ist ebenfalls ein Thema. Im gleichen Haus wird man umfassend über die Stadtentwicklung seit der Gründung 1158 informiert (bis 30.1.).</P><P class=MsoNormal>NS-Dokumentationszentrum: Es gab allerhand Ärger, verletzte Eitelkeiten, Streit um den Standort; klar ist aber, die Initiatorengruppe, die Stadt und eben auch die Stadt-CSU sowie Landtagsabgeordnete lassen nicht locker, setzen durchaus auch Monika Hohlmeier, die zuständige Ministerin, unter Druck, das Konzept auf dem Gelände des "Braunen Hauses" (Brienner Straße) zu realisieren.</P><P class=MsoNormal>Ortstermine war der Sammelbegriff für die endlich in Gang gekommene Initiative Kunst im öffentlichen Raum des Kulturreferats. Sehr erfreulich beispielsweise Rudolf Herz' Reise-Idee "Lenin on Tour" mit abgehalfterten Denkmälern; läppisch und nichts sagend hingegen die Text-Projektion "Energie-Passagen" von Monika Fleischmann und Wolfgang Strauss. Unverständlich auch, warum Geld ausgegeben wird, damit eine externe PR-Firma für "ortstermine" wirbt.</P><P class=MsoNormal>Picasso, Pablo, war natürlich der größte Renner der Saison. Das Lenbachhaus hatte mit Köln ein Tauschgeschäft vereinbart: Blauer Reiter gegen den genialen Spanier. Ein Riesenerfolg im Kunstbau! Zugleich konnte man in München die Künstler des Blauen Reiter frisch aufpoliert entdecken: zunächst viel Unbekanntes aus dem Depot, dann nach der "Heimkehr" die Spitzenstücke gerahmt in ein neues Farbkonzept.</P><P class=MsoNormal>Qiu Ti gehört zu den Künstlern, die in der Schau "Shanghai Modern 1919-1945" in der Villa Stuck vorgestellt werden. Zu erleben ist ein fruchtbarer Dialog zwischen Ost und West, der zu Maos Zeiten jäh abriss (bis 16.1.). Dass er seit einigen Jahren wieder kräftig auflebt, beweist "Shanghai Surprise" in der Lothringer dreizehn (bis 27.2.).</P><P class=MsoNormal>Richter, Ludwig, durfte man in der Neuen Pinakothek von einer malerischen Seite kennen lernen. Einmal nicht seine berühmten biedermeierlichen Grafik-Illustrationen für Märchen, sondern interessant erfasste Landschaften (ab Januar '04).</P><P class=MsoNormal>Stucks Villa war lange in einem desolaten Zustand. In dem sich nun rundenden Jahr machte die Restaurierung enorme Fortschritte. Nach und nach wird das Gesamtkunstwerk des Münchner Malerfürsten sichtbar und nachvollziehbar - inklusive des wundervoll rekonstruierten Gartens. Sigi Sommer war ein typisches Münchner G'wachs und schrieb ganz speziell über "seine" Stadt. Sehr schön, dass die Monacensia ihm eine Ausstellung widmete.</P><P class=MsoNormal>Tati, Jacques, war nicht nur einer der besten Filmemacher, die es je gab, er war auch ein hellsichtiger Architektur-Analytiker. Was er herausfand, präsentierte das Architekturmuseum in der Pinakothek der Moderne (Frühling). Mit Räumen arbeitet auch Dietmar Tanterl, der im Lenbachhaus bisweilen psychedelische Überraschungen bietet (bis 9.1.).</P><P class=MsoNormal>Utopia Station ist eine mehrteilige Unternehmung vieler Künstler von Yoko Ono bis Alexander Kluge, die durch die Lande tourt und auch in München, im Haus der Kunst, "Station" macht: sympathisch und verwirrend (bis 16.1.).</P><P class=MsoNormal>Ver, Moï¨, nannte er sich, der aus Litauen nach Paris gekommen war. Wie er die Stadt sah und wie er die Ideale der Moderne, der Bauhaus-Künstler in Fotografie umsetzte, ist eine echte Entdeckung in der Pinakothek der Moderne. Denn sein Buchprojekt "Ci-contre 1931" konnte jetzt erst verwirklicht werden (bis 27.2.).</P><P class=MsoNormal>Willi Baumeister - da denkt man schon mal: verstaubte Nachkriegskunst. Die Präsentation im Lenbachhaus (Frühjahr) überzeugte aber total, und man leistete der künstlerischen Potenz Baumeisters gern Abbitte. Dem Reiz der Technik und modernster Materialien des Bauens erlag man bei Werner Sobek. Die Schau im Architekturmuseum (PDM) verschaffte auch Laien einen Einblick in das, was heute baulich machbar ist (Sommer).</P><P class=MsoNormal>Xtreme Houses bewies, dass die aktuelle Kunstszene ein gesteigertes Interesse an räumlichen, baulichen und architektonischen "Vokabeln" hat und diese für eigene Aussagen nutzt - von der verrückten Wohnkugel bis zur Hütte (Lothringer dreizehn im Sommer).</P><P class=MsoNormal>Yalan Dünya - Falsche Welt": Mit diesem Auftritt in der Rathausgalerie präsentierte sich die Istanbuler Künstlergruppe Hafriyat - und thematisierte frech gleich all unsere Türkei-Klischees (ab Mai).</P><P class=MsoNormal>Zeichnungen von einem Bildhauer sind immer etwas Besonderes, denn sie verbinden das Zarte und das Harte. Fritz Koenigs "Kentauromachie", tänzerisch schwungvolle, helle Pferdemenschen auf dunklem Grund, schrauben das Besondere noch höher: Er bringt selbst die Eigenschaften des Zeichen-Kreidestücks wunderbar zur Geltung (Neue Pinakothek, noch bis 16.1.).</P>

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