Zwischen Mut und Fehlzündung

- Nach elf Spielzeiten endet in diesen Tagen die Ära von Intendant Klaus Schultz am Münchner Gärtnerplatztheater. Eine Bilanz.

Zwei Sichtweisen prallten da aufeinander. Von Klaus Schultz' Warte aus hätte es am Gärtnerplatz problemlos so weiterlaufen können. In den Augen des Kunstministeriums freilich musste man die Notbremse ziehen: Der Mann hat das Haus doch leergespielt, wurde gestöhnt, solch Ambition mit Uraufführungen und Regie-Experimenten sei in Münchens zweitem Opernhaus völlig unangebracht. Schultz' Vertrag wurde daher nicht verlängert, im Augsburger Chef Ulrich Peters sieht der Freistaat den Heilsbringer.

Wahr ist schon: Ein harmloser Tingeltangel-Operetten-Musical-Mischmasch war mit Schultz nicht zu haben. Elf Werke des 20. Jahrhunderts wurden gestemmt. Und wenn es doch einmal die angeblich so leichte Muse sein sollte, wurde sie mit Theorie beschwert. Der Intendant vertraute hier, bei der Neubefragung alter Reißer, auf Regisseur Franz Winter - und verlor. Doch das konnte keiner ahnen. Nach Winters sensationellem "Weißen Rössl" in der Komödie im Bayerischen Hof glaubte jeder, er könne Operetten auch am Gärtnerplatz fit fürs 21. Jahrhundert machen.

Was dann in mehreren Spielzeiten über die Bühne ging, waren Aufführungen, denen der Dramaturgenschweiß aus jeder Pore trat. Von einer verunglückten "Lustigen Witwe" (mit Ex-Heroine Hildegard Behrens) über einen humorfreien "Vogelhändler" bis zur tragödienhaften, daher missverstandenen "Zauberflöte". Und ein weiteres Mal erlitt man am Gärtnerplatz mit einem Regisseur Schiffbruch: Jochen Schölch produziert zwar an seinem Freimanner Metropol-Theater Kultiges, "Carmen" und "Così fan tutte" überforderten ihn allerdings.

Schultz, das ehrt ihn, zeigte Mut bei der Saison-Gestaltung, war dabei neugierig auf junge Regisseure und gab ihnen eine Plattform. Claus Guth, mittlerweile in Bayreuth, Salzburg und Wien gefragt, wusste das zu nutzen, sein Debüt mit Lortzings "Wildschütz" war eine der besten Produktionen der letzten elf Jahre. Und auch Peer Boysen, der längst Engagements an großen Häuser verdient hätte, bot etwa mit Strawinskys "Rake's Progress" oder mit der Barockausgrabung "Catone in Utica" von Ferrandini (im Cuvilliéstheater) Spielplan-Perlen.

Was von den elf Schultz-Spielzeiten außerdem im Gedächtnis bleibt, sind Rossinis "Aschenputtel", Beethovens "Leonore" und Rossinis "Barbier von Sevilla". Vor allem aber - eine riskante Programmwahl - die beiden neu zusammengestellten Projekte "In mir klingt ein Lied", mit dem die Geschichte des Hauses thematisiert wurde, und "Ein Theater nach der Mode", diese total schräge, überdrehte Barock-Revue.

Schultz' Leidenschaft für die Moderne bescherte Achtbares und einen Überraschungserfolg: Awet Terterjans "Das Beben", bei dem sogar nicht geplante Wiederaufnahme-Serien angesetzt werden mussten.

Und warum hatte das Gärtnerplatztheater dennoch mit fehlender Nachfrage zu kämpfen? Grundsätzlich hat es - ob Wiener Volksoper oder Komische Oper Berlin - jedes "zweite" oder "dritte" Opernhaus am Ort schwer. Dazu kam, dass Misserfolge à la Franz Winter für ein schlechtes Image sorgten: Wenn schon das Kernrepertoire nicht richtig funktioniert, warum soll sich dann der typische Gärtnerplatz-Gänger in Randbereiche trauen? Als dann auch noch der Theaterstreik Anno 2006 die Besucher fernhielt, war die Katastrophe da.

Dass Nonos "Intolleranza 1960" und einige andere zeitgenössische Werke die Ära Schultz beschließen, ist symptomatisch. Zeitweise versuchte man am Gärtnerplatz, krampfhaft als das "bessere" Nationaltheater zu glänzen. Was Folge eines alten Minderwertigkeitskomplexes, abgesehen davon aber gar nicht so schwer war: Peter Jonas produzierte an der Staatsoper Leerstellen, die Schultz besetzen konnte. Doch die Gabe, nach dem Jonas-Prinzip zu handeln, also Inhaltsarmes in schillernden Verpackungen feilzubieten, die fehlte Klaus Schultz.

Erfolge gab es also einige - inklusive der erheblichen künstlerischen Aufwertung des Balletttheaters München und der Hochstufung der Musiker zum A-Orchester ­, doch litten diese elf Spielzeiten auch darunter, dass sich zu viel Halbgares ereignete, in entscheidenden Momenten sogar Fehlzündungen passierten, wodurch das Haus unattraktiv wurde.

Der Vorwurf, dass Klaus Schultz zum Teil an seinem Stammpublikum vorbeiplante, zielt also in die richtige Richtung. Dass man bei den Entscheidungsträgern nun allerdings glaubt, die Besucher mit einem Kessel Buntes automatisch ins Haus zurücktreiben zu können, ist schon seltsam. Manch Gärtnerplatz-Interessent könnte sich als intelligenter und anspruchsvoller erweisen, als man es sich im Bayerischen Kunstministerium so vorstellt.

"Schlussakkord"

heißt der heutige "Abschieds-Abend" am Gärtnerplatz (19.30 Uhr). Kurz vor Ende der Saison wird an die Höhepunkte der letzten elf Spielzeiten erinnert. Das Buch "Rückblicke" (zwölf Euro) ist im Theater erhältlich.

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