Zwischen Kampfhund und Kakadu

Kunstbiennale in Venedig: - Insgesamt 77 Länder sind bei der 52. Kunstbiennale in Venedig vertreten - so viele wie niemals zuvor. An diesem Sonntag öffnet sie ihre Pforten.

Der fröhliche Bandl-Tanz entfällt. Mehr abgeschlagene Köpfe als Bänder hat Nancy Spero an dem Baum angebracht. Er stimmt im Eingang zum zentralen Pavillon der Biennale-Gärten (Giardini) den Besucher auf Robert Storrs Ausstellung (Teil I) ein. Der einstige Kurator im New Yorker Museum of Modern Art ist Direktor der 25. Esposizione Internazionale d‘Arte in Venedig. Der zweite Teil seiner Schau ist im Arsenale zu entdecken.

Als Motto hat er sich gewählt: "Mit den Sinnen denken, mit dem Verstand fühlen." Es geht ihm darum, Gegensätze, ob echte oder konstruierte, aufzulösen. Das kann die Kunst - da wird niemand Storr widerlegen. Seine These ist nicht originell, deswegen zählt nur: Ist seine Präsentation auch spannend?

 Offenbarungen bietet Storr nicht, aber, was selten im unangenehm labyrinthischen Hauptpavillon gelingt, eine klare, den Besucher gut führende Schau. Viele Künstler haben einen Saal für sich und kommen deswegen richtig zur Geltung. Fast triumphal jener für Sigmar Polke. Riesige kupferfarbene Gemälde, die aber wie aus hauchfeinen Metallnetzen gemacht scheinen, schaffen einen auratischen Raum. Ab und an als Siebdrucke groß appliziert: Sterngucker-Illustrationen aus dem 19. Jahrhundert. Sehr schön die Abfolge von Robert Ryman, Gerhard Richter und Ellsworth Kelly, drei Klassiker der Malerei unserer Zeit. Damit zieht Storr der Ausstellung ein Rückgrat ein: Auf diese Qualität pocht er. Das ist eine Zielvorgabe. Zugleich Ausdruck der westlichen Welt. Deswegen tun den ungegenständlichen Gemälden mit ihrer sinnlichen Intelligenz konträre Werke gut. Cheri Samba - der Kongolese stellte bereits in München aus - setzt seine buntsprühende, naive Malweise ein, um afrikanische Themen, mal plakativ, mal surreal, zu formulieren. Themen, die auch unsere sind: Menschen- und Umweltzerstörung durch Geldgier sind universell.

Izumi Kato aus Japan entwirft merkwürdige Babys, aus deren Antlitzen fast beängstigende Augen herausleuchten. Und Nalini Malani aus Pakistan, in Indien lebend, entwickelt auf orangefarbenen Di- und Triptychen verrätselte Sagenwelten, in denen alles mit allem zusammenhängt - durch Nabelschnüre.

 Nicht so viel Glück hatte Storr mit seiner Auswahl von Videokunst, die bis auf Joshua Mosleys witzigen, computeranimierten Streit zwischen Pascal und Rousseau und einem Kampfhund sehr langweilig sind - trotz klingender Namen wie Kara Walker und Steve McQueen.

Auch in den Nationenpavillons in den Giardini ist das Glück launisch. Während Österreich mit den so ungegenständlichen wie uninspirierten Gemälden von Herbert Brandl nur Gähnen hervorruft, hat Frankreich mit Sophie Calle einen Glückstreffer erzielt. Sie ließ von 107 Frauen einen Abschiedsbrief analysieren. Der ging per E-Mail an sie selbst. In dem Projekt "take care of yourself" blättert sie ein fabelhaftes Panorama auf: Von Mädchen über Autorin, Diplomatin, Korrektorin bis zu Schauspielerinnen und Tänzerinnen wird der Brief zerpflückt - am Ende tatsächlich von einem weißen Kakadu. Texte, Fotos, Filme, Gemälde, Schrift-Bilder (zum Beispiel Blindenschrift oder Strichcode) erzählen 107 Leben, Ideen, Einstellungen, Gefühlsschattierungen.

 Eine umfassende Präsentation richtet der Pavillon von Großbritannien Tracey Emin aus. Zeichnungen, Drucke, Gemälde und Skulpturen aus aufstrebenden Kienspan-Haufen zeigen Können. Emin klebt jedoch zu sehr an Vorbildern wie Schiele, Beuys, Nanucci oder Cy Twombly. Auch die USA vertrauen auf Bewährtes. Mit Felix Gonzalez-Torres hat man jemand, der sich mit Glühbirnen-Kabel-Skulpturen ebenso ausdrücken kann wie mit Fotos von Kriegerdenkmälern, Plakaten mit schwarzem Wasser oder Listen von Attentaten.

Das Bewusstsein, dass Gewalt herrscht - gegen Menschen, gegen die Natur - ist im Übrigen allgegenwärtig. Ob bei Genzken (siehe Text unten), in kitschiger, verlorener Form bei David Altmejd im kanadischen Pavillon oder im russischen Gebäude, wo Tatiana Arzamasova einen computerverfremdeten Kampfkunst-Film zelebriert.

Sie analysiert die Kino ästhetik von Katastrophen, indem sie sie hyper-ästhetisiert. Auch Yves Netzhammer (Schweiz) beschreibt comichaft und computeranimiert das Zerfetzen von Mensch/ Natur durch den Menschen, während Yehudit Sasportas (Israel) diese Zerstörung in edles Schwarz-Weiß und Bildtafeln bannt, die an die eleganten Schiebewände japanischer Häusern erinnern.

Ob poppig, ob feinsinnig dargestellt, ob Irak namentlich genannt oder das unrechtmäßige Handeln der US-Behörden, sowohl in den Länderpavillons als auch in der Gesamtausstellung ist Bedrohung ein bedeutendes Thema.

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