Zwischen Keilerei und Charleston

- Ob der Titel "Love" irgendeine Verständnisspur legt, ist eher fraglich. Aber dann ist dieses Stück (?) von Loic Touzé und Latifa Laâbissi so schräg vorbei an allem, was man sonst im zeitgenössischen Tanz sieht, dass es darauf auch nicht mehr ankommt. Die beiden haben zwar bei der Crè`me de la Crè`me, bei Merce Cunningham, Carolyn Carlson, Mathilde Monnier u. a. gelernt. Aber von Tanz und Choreographie ist bei dem stark in die bildende Kunst und Performance ausscherenden Duo aus dem französischen Rennes jetzt schon gar nicht mehr die Rede, sondern nur - von "Konzept".

"Liebe" von ihrer Compagnie 3.9.1. war das sehr eigene Finale der Münchner Tanzwerkstatt Europa. Toll die Optik: eine in die Muffathalle reingestellte, aufgeklappte Buchdeckel-Bühne - von 52 hoch über der Zuschauertribüne montierten Scheinwerfern mit einem traumschönen Zartblau überhaucht. Seitlich warten drei Frauen und drei Männer in dunkelblauen Popeline-Shorts und etwas heller blauen T-Shirts, die in bravem Pfadfinder-Schritt ihre Kunst-Bühne betreten. Verteilte Aufstellung, aber alle frontal. Warten. Fixieren des Publikums. Und dann: "action". Die sechs merkwürdigen Blau-Shirts, Gesichter weiß, Lippen grellrot geschminkt, knicken ein, bröseln nieder, jeder in individuelle Körperlage, und formen am Boden effektvolle skulpturale Figuren-Arrangements.

Und so, zwischen geschlossenem Abmarsch und Wiederauftritt - immer in völliger Stille -, viele Tableau-artige Sequenzen: Mal schneiden sie teuflische oder debile Grimassen in der Art der expressionistischen Valeska Gert. Dann versuchen sie linkisch einen Charleston. Sie verstricken sich in eine Alle-gegen-alle-Keilerei à` la Marx Brothers. Einmal total nackt, rutschen sie auf Knien wie eine langsam-blöd äsende Herde. Und wenn der hochaufgehängte Wald-Prospekt sich am Ende als Natur-Hintergrund herabgesenkt hat, mimen sie einen Fäuste-wackelnden Esels-Galopp.

In seiner jede sinnvolle Deutung konterkarierenden Tendenz hat das Ganze merkliche Längen, in seinen besten Momenten jedoch einen hintergründigen Humor und ohne Zweifel eine satte Bildwirkung.

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