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Eine Art italienische Ausgabe von Mr. Bean: Massimo Rocchi, Wahl-Schweizer mit italienischen Wurzeln, setzt auf Körpersprache, wo es inhaltlich schwächelt.

Lach- und Schießgesellschaft

Massimo Rocchi: Merkwürdiges à la Europa

München - Zwischen Klischee und Virtuosität: Massimo Rocchi in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft

Er hat italienische Wurzeln, lebt in der Schweiz und scheint in ganz Europa zuhause zu sein. Kein Wunder, dass der Kontinent und dessen Bewohner mit all ihren Merkwürdigkeiten auch in Massimo Rocchis Programm „6zig“, das am Dienstag in der Lach- und Schießgesellschaft München-Premiere feierte, sein Thema ist. Um so verwunderlicher, dass dem gebürtigen Italiener zu seinem Heimatland kaum mehr einfallen mag als die gängigen Klischees: die temperamentvolle Mamma, die Großfamilie im Fiat und die Nudeln, die nur dem italienischen Koch richtig gelingen.

Auch die Einlassungen zu den großen europäischen Debatten bleiben blass. Über Griechenwitze zur Euro-Krise sind die meisten eben schon hinweg – und beim Thema Brexit versickern gute Ansätze, die vom Publikum mit großer Zustimmung aufgenommen werden, in friedlichem Gewitzel über das englische Königshaus. Andere heikle Themen werden ebenfalls nur zaghaft angetastet und sogleich verstohlen wieder fallen gelassen.

Ein großes Glück ist es da, dass der gelernte Schauspieler und Pantomime Rocchi inhaltliche Schwächen körperlich ausgezeichnet auszugleichen weiß und mit seinen stummen Verrenkungen, die mitunter an eine Art italienischen Mr. Bean denken lassen, auch den größten Griesgram zum Kichern bringen kann. Ob er den hochnäsigen Wiener auf dem Lipizzaner in der Spanischen Hofreitschule gibt, im Ein-Mann-Stück den Zwist zwischen einem Opernstar und seinem Dirigenten auf die Spitze treibt oder schließlich als gemütliches Kamel über die Bühne trabt – menschliche und tierische Körpersprache beherrscht Rocchi bis ins Detail.

Aber auch seine Stimme setzt er gern und virtuos ein. Da kreischt die italienische Großmutter, näselt der Franzose, lispelt der Spanier, quetscht der knatschige Schweizer die Worte hervor. Und die aus allen Ecken Italiens angereisten Touristen am Strand von Rimini bringen auch diejenigen zum Schmunzeln, die des Italienischen gar nicht mächtig sind. So ist es durchaus verzeihlich, wenn das lockere Handlungsgerüst des Abends eher als Vehikel für Rocchis sehenswerte Schauspiel- und Imitationskunst dient als zur Ausarbeitung kabarettistischer Finessen.

Sobald es dann endlich um die Sprache als solche geht, kommt Rocchi auch inhaltlich auf Touren: Sind seine Überlegungen zur Phonetik noch eher etwas für Liebhaber, ist seine mit Leidenschaft ausgearbeitete Nachhilfestunde in deutscher Grammatik nicht nur für die Zuschauer ein Riesenspaß. Auch dem Komiker selbst scheint dieser Teil seines Programms am meisten Freude zu bereiten. Hier lässt er sich Zeit, geht in die Tiefe, wo er sonst eher an der Oberfläche bleibt – und erntet zu Recht begeisterten Applaus.

Vorstellungen bis 1. September, Telefon 089/ 39 19 97.

Johanna Popp

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