Zwischen Lumpen und Brokat

- "War schön, was er gespielt hat?" "Vor allem schwer zu spielen." "Demnach hast du nur die Schwierigkeit gesucht?" So unterhalten sich Kadi und Flötenspieler. Oder, die Mutter zu ihrem Sohn: "Geh bis an die Grenzen deiner Kräfte. . . Dann werden wir sehen." Dialogfetzen aus dem Stück "Die Wände", einem großen, bunten Bilderbogen aus dem Algerienkrieg im Allgemeinen und über die Leidensgeschichte des armen Jungen Said im Besonderen, der zum Dieb, zum Verräter und zur Heilsgestalt der Dorfgemeinschaft wird, die ihm ein Fest bereitet zu seinem Tod.

<P>Ein Stück, das sich provokant anlehnt an Passions- und Mysterienspiel, das die Grenzen zwischen Leben und Tod, Diesseits und Jenseits aufhebt. Ein Stück aber auch über das Theater. Über "die Effektivität des Kampfes" und "die Ästhetik des Sterbens". "Misstrauen Sie der wachsenden Schönheit", heißt es einmal. Und so bewegt sich ganz absichtsvoll auch diese Aufführung zwischen Lumpen und Brokat, Schmutz und Goldregen, Hässlichkeit und Glätte.</P><P>Dieter Dorn, der dieses Werk Jean Genets (1910-1986) jetzt fürs Münchner Residenztheater inszeniert hat, lässt spielen, dass das Theater brummt. Ein Riesenensemble. Höchste Beanspruchung der Werkstätten. Kostüme zum Verlieben. Maskenbildnerei zum Staunen. Klänge voller Geheimnis. Schauspieler zum Bewundern. Aber eine Perfektion und Ordentlichkeit, die der Genet'schen Wüstenei, dem Chaos der Freiheit immer wieder in die Quere gerät.</P><P>Aufführung im Widerspruch</P><P>Der Dichter, der als Zuchthäusler berühmt wurde, der aus dem Dreck kam und aufstieg in den Franzosenhimmel der Genies, dieser Dichter kann mit seinem Stück einerseits nur von einem so gut gerüsteten Staatstheater realisiert werden, andererseits aber sperrt er sich gegen den organisierten Betrieb. Ein Widerspruch, der auch der Widerspruch der Inszenierung ist. So schwankt die knapp fünfstündige Aufführung zwischen wunderbaren und faszinierenden, geradezu schwerelosen Szenen und dem bleiernen "Abhaken" von Bausteinen, die die Handlung voran- und zu Ende treiben.</P><P>Der Titel "Die Wände" ist von doppelter Bedeutung. Einmal beschreibt er die Situation der Bühne, auf der halbhohe Stellagen Raum und Projektionsfläche für die jeweilige Szene bieten. Gleichzeitig sind die Wände aber auch Symbol: für die Trennung - und deren Überwindung - zwischen Oben und Unten, Arm und Reich, Soldaten und Zivilisten, Theater und Wirklichkeit. So hat Ausstatter Jürgen Rose die Paravents anfangs nur mit stark vergrößerten Probeplänen tapeziert, die nach und nach mit Leben "beschrieben" werden. In die Mitte hat er eine Drehscheibe gesetzt. Sie markiert die endlose Wanderung der Mutter, ihres Sohnes Said und seiner Frau Leila, die unter einer Maske ihr hässliches Gesicht versteckt. Sie sind die Hauptfiguren des Stücks.</P><P>Zuerst muss hier Gisela Stein genannt werden. Es ist "ihr" Abend. Groß, klug und archaisch. Mit dem Sohn im Schoß - eine Pietà`. Wenn sie die nackten, bunt bemalten Füße in die Stöckelschuhe zwängt, wenn sie für Said tanzt, wenn sie einer streunenden Hündin gleich kläffend ihr Terrain verteidigt, wenn sie obszön, zärtlich oder verführerisch ist, wenn sie mit den Toten redet, Leila beschimpft, die Soldaten begurrt, wenn sie wie in einem Varieté´ den Ausrufer macht oder am Ende still nach ihrem Sohn fragt - dann wird die Stein zum Ereignis. Gerade darum ist es verwunderlich, dass diese Mutter am untersten sozialen Rand kleben bleibt. Von der Stein makellos und überwältigend gespielt, hätte sie alle Aufstiegschancen. Es fehlt der - innere - Schmutz, der zur Brillanz dieser Frau auch gehört.</P><P>Die Jungen haben das. Vor allem Jens Harzer als Said. Mit dem traurigsten Gesicht der Welt, in dem sich Liebe, Schmerz, Verachtung, Hohn widerspiegeln, gibt er den lebenden Leichnam. Auftrumpfend nur im schauspielerischen Sich-Verweigern, im so genannten Unterspielen, in der Zumutung, die er in dieser Rolle für die Zuschauer sein will - und ist. Von hoher künstlerischer Präsenz erweist sich Marina Galic als Leila. Von Anfang bis Ende ist ihr Gesicht verhüllt. Ihr Unglück muss sie allein in Stimme und Körper legen. Und es entsteht eine Figur voller Zauber, Poesie und Anmut.</P><P>Herausragend aus diesem fast 40-köpfigen Panoptikum sind Sibylle Canonica, die in überdimensionierten Goldröcken mit Grandezza die große Hure Warda spielt, und Barbara Melzl als herrlich extraordinäre Malika, der schon der Gürtel platzt, sobald ein Mann auch nur naht. Das sind wahnwitzig komisch hoch zu Ross Jörg Hube und Gerd Anthoff als Kolonialherren, die nicht merken, wie arabische Brandstifter um sie herum Lunte legen. Sowie Marc Oliver Schulze als schöner Schwuchtel-Leutnant und Thomas Loibl als Unteroffizier mit zarter Mädchenseele.</P><P>Die Kraft des Volkes, seine kompromisslose Vitalität verkörpert die ausgezeichnete Ulrike Willenbacher in der Rolle der Kadidja. Vierzehn Araber hat sie geboren. Jetzt, soeben erschossen von den Franzosen, ruft sie laut und gebieterisch die Männer beim Namen, sie sollen kommen, die Wände mit ihren Untaten zu bemalen. Die schönste Szene der Inszenierung. Ein Moment des Aufruhrs und seines Mythos', in den sich unversehens lustwandelnd der alte Genet mischt.</P><P>"Geh bis an deine Grenzen" - manchmal gelingt es der Aufführung, auch darüber hinaus zu gehen. Den Schwierigkeiten jedenfalls geht sie nicht aus dem Weg. Am Ende dafür großer Beifall.</P>

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