Zwischen Moos und Münter

Murnau - Die Sommerferien-Reihe "Ausflüge zur Kunst" führt zu Edlem und Kuriosem, Kulinarischem und fein Gesponnenem, zu schönen Aus- und Einblicken in Stadt und Land. Und das alles ganz in unserer Nähe. Heute laden wir nach Murnau am Staffelsee ein.

Wer das erste Mal nach Murnau am Staffelsee kommt, staunt. Weit und breit kein See in Sicht, dafür ist der Ort perfekt auf eine Anhöhe drapiert, als hätte hier ein raffinierter Landschaftsarchitekt gewirkt. Murnau ist ein Bellevue-Ort: Der Blick schweift hinab über das flache Moos mit seinen zu jeder Jahreszeit anderen wunderfeinen Farbtönen und wieder hinauf zur Gebirgskette, in der das Wetter seine Dramen aufführt. Wer die Marktstraße hinaufspaziert und nicht nur ein Auge hat für den Apfelstrudel in der Konditorei, staunt noch einmal: Hat er doch diese Straßenzüge mit ihren bunten Häusern, mit Kirche und Schloss schon gesehen. In Museen auf der ganzen Welt. Murnau und Umgebung wurden auf Werken insbesondere der Künstler des Blauen Reiters nicht nur verewigt, sondern auch internationalisiert.

Damit ist die Marktgemeinde gewissermaßen Kunst zum Anfassen geworden. Und pflegt dieses Image. So wurde ein Wiesenhang vor der ebenfalls sehenswerten Kirche (nach einigem Streit) nicht bebaut, weil diese Ansicht danach nicht mehr den Gemälden von 1908 bis 1914 von Gabriele Münter (1877- 1962), Wassily Kandinsky (1866-1944) und Co. entsprochen hätte. Dieses Paar, das in jenen Jahren in Murnau lebte, ist dort nach wie vor sehr präsent. Noch mehr Kunst zum Anfassen also, und zwar in dessen "Russenhaus", wie es die Einheimischen nannten. Es liegt malerisch erhöht auf einem weiteren Hügel Murnaus gegenüber von Schloss und Kirche. Eine immer noch erhaltene Allee führt hinan: Alles ist auf den Gemälden wiederzufinden.

Das Haus selbst, das öffentlich zugänglich ist, hatte Münter 1909 gekauft und bis zu ihrem Tod 1962 bewohnt (ab 1931 mit ihrem Lebensgefährten Johannes Eichner). Die Münter- und Eichner-Stiftung hat es 1998/99 so liebevoll wie aufwändig renovieren lassen. Selbst der reizende Garten wurde wieder so hergerichtet, wie er auf alten Fotos und den Bildern zu sehen war. Münter und Kandinsky gartelten gern. Aufnahmen und Gemälde waren auch Richtschnur fürs Innere: Wo hingen die Hinterglasbilder? Wo stand die religiöse Volkskunst, die Münter sammelte? Wo lag der Fleckerlteppich, den man auf ihren Interieur-Bildern sieht? Heute fehlt nur noch, dass die beiden durch die Zimmertür treten und eine Führung machen. Sie könnten zum Beispiel zeigen, wo sie Wände, Treppengeländer oder Möbel lustig bemalt haben.

Nach diesem Besuch bei alten Freunden hat der Murnau-Ausflügler die Wahl - je nach Wetter -, den Staffelsee aufzuspüren und das Strandbad zu frequentieren. Auch eine Schifferlfahrt ist möglich. Radler könnten um den See herum strampeln oder durchs Moos. Beide Wege sind ebenso für Wanderer ein Genuss, selbst für solche mit wenig Kondition. Es geht gemütlich eben dahin, und man freut sich dennoch an der Berg-Kulisse.

Wer tiefer in die Geheimnisse des Mooses, die Geschichte Murnaus und das Wirken der ansässigen Künstler einsteigen will, ist im Schlossmuseum bestens aufgehoben. Die meterdicken Mauern beherbergen darüber hinaus ein Café mit schöner Terrasse, sodass Stärkung nicht weit ist. Natürlich kann das Museum mit Münter und anderen Murnau-Malern punkten, es bietet aber auch Überraschungen. Was hatten zum Beispiel die Hinterglasbilder und Federblumen als Kirchenschmuck, die wir heutzutage als nette Handarbeit einschätzen, mit der ökonomischen Situation der Menschen zu tun? Der wichtige Handelsort Murnau musste sich nach dem Dreißigjährigen Krieg umstellen. Die Warenströme zwischen Oberitalien und Deutschland funktionierten nicht mehr so gut wie früher. Die Einheimischen wurden also selbst zu Produzenten und Händlern - spezialisiert auf jenes Kunsthandwerk. Gerade die Sammlung Udo Dammert gibt dazu einen echten Überblick: von üppigen Barock-Arbeiten bis zur fröhlich-bunten Serien-Ware im 19. Jahrhundert. Umstrukturierung würde man heute sagen. Es gab professionelle Maler, Verleger und am Ende dieser Kette die Hausierer, die mit ihren Kraxen durch die Lande zogen.

Die modernen Drucktechniken ließen diese Einnahmequelle ab Mitte des 19. Jahrhunderts versiegen. Wieder begannen die Murnauer neu. Mit dem Fremdenverkehr - zu dem auch unser Ausflug zählt.

Infos:

Anfahrt von München: stündlich ein Zug oder über die Autobahn Garmisch-Partenkirchen, Ausfahrt Kochel/Murnau.

Münter-Haus: Kottmüllerallee 6, geöffnet täglich außer montags 14-17 Uhr (kein Parkplatz), Telefon 08841/ 62 88 80. Schlossmuseum: Schlosshof 4-5, geöffnet Di.-So. 10-17 Uhr, Tel. 08841/ 476-207/ -201; aktuelle Sonderausstellung "Vor 100 Jahren - Kandinsky, Münter, Jawlensky, Werefkin in Murnau" bis 9. November.

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