Zwischen Nabelschau und Buh-Orkan

München - Die Kunst- und Kultur-Vorschau aufs kommende Jahr 2008 steht für München vor allem im Zeichen der 850-Jahr-Feier der Stadt. Viele mit Spannung erwartete Ausstellungs-, Bühnen-, Konzert- und Filmereignisse hätte es aber ohnehin gegeben. Darüber hinaus locken internationalen Angebote in die Welt hinaus. Eine Auswahl . . .

Januar:

Prickelnde Unterhaltung verspricht das Münchner Residenztheater mit Yasmina Rezas Ehe-Stück "Gott des Gemetzels". Hausherr Dieter Dorn inszeniert (Premiere 26.1.). Es spielen Sibylle Canonica, Sunnyi Melles, Michael von Au und Stefan Hunstein. Da werden die Fetzen fliegen! In Venedigs Palazzo Grassi läuft am 26.1. die riesige Schau "Rom und die Barbaren" an, die archäologische Exponate aus Europa, Afrika und den USA zusammenführt.

Februar:

"And the Oscar goes to..." Am liebsten natürlich nach Deutschland, bewirbt sich doch Fatih Akin mit "Auf der anderen Seite" für die Auslandstrophäe. Das Kodak Theatre zu Hollywood ist für eine Nacht Nabel der Kino-Welt. Zur Nabelschau rüstet sich auch das Filmfestival der Berlinale. Und das nicht nur, weil Madonna mit ihrem Regiedebüt "Filth And Wisdom" heranstöckelt.

Bei Hanser erscheint Anfang Februar Philip Roths Roman "Exit Ghost". In die Kinos kommt die García-Marquez-Verfilmung "Liebe in Zeiten der Cholera". Freunde der meditativen Farbversenkung dürfen sich auf Mark Rothkos Bilder in der Hypo-Kunsthalle freuen (ab 8.2.). Ab 22.2. schildert die Frankfurter Schirn, was die "Impressionistinnen" boten.

März:

Roland Emmerich wuchtet seinen Steinzeit-Schinken "10 000 B.C." auf die Leinwände. Auch der Bestseller "Tintenherz" kommt zu Kino-Ehren. Bei Rowohlt bringt Martin Walser sein neues Buch "Ein liebender Mann" heraus. An den Münchner Kammerspielen wird "Schnee" nach Orhan Pamuk uraufgeführt (Premiere 1.3.); Regie Lars-Ole Walburg.

Das Haus der Kunst lädt den angesagten Maler Luc Tuymans ab 2.3. unter dem Motto "Wenn der Frühling kommt" ein. Außerdem wird ein Erfolgskrimi für die Bühne bearbeitet: Am Tiroler Landestheater in Innsbruck ist Uraufführung von "Tannöd" (15.3.).

April:

Was aktuelles Musiktheater leistet, will die Münchener Biennale zeigen. Vier Opern-Uraufführungen stehen auf dem Spielplan. Die Schau "1972" beschäftigt sich mit den Olympischen Spielen und dem Attentat. Sarah Morris zeigt in ihrer Film-Arbeit im Lenbachhaus auch Archivmaterial der Polizei (ab 24.4.).

Andrea Breth ist eine exzellente Regisseurin, aber konstitutionell fragil. Fürs Residenztheater soll sie Molières "Menschenfeind" in der Botho-Strauß-Bearbeitung inszenieren. Aber sie muss auch im Sommer die Salzburger Festspiele zufriedenstellen: mit dem schweren Brocken "Schuld und Sühne". Hoffentlich droht da München kein Ungemach. Die Staatliche Graphische Sammlung in München feiert 250. Geburtstag ­ naturgemäß mit einer beeindruckenden Leistungsschau (ab 10.4.).

Christoph Schlingensief wagt an der Deutschen Oper Berlin seinen nächsten Opernstreich. Er inszeniert, oder wie immer man das nennen mag, Walter Braunfels' "Jeanne d'Arc" (27.4.).

Mai:

Harrison Ford, zugegebenermaßen schon im leicht vorgerückten Alter, macht's noch einmal. Der vierte Teil von "Indiana Jones" startet in den Kinos, Regie: Steven Spielberg. Große Freude bietet die Hypo-Kunsthalle mit "Adolph Menzel ­ radikal real" (ab 15. Mai). Münchens Akademie der Bildenden Künste wird 200 Jahre alt. Im Haus der Kunst wird eine umfangreiche Präsentation ­ "Die Kraftprobe" ­ angeboten (ab 30.5.).

Pop- und Rockfans müssen in diesem Monat sehr, sehr tief in die Tasche greifen und sehr, sehr stark sein. Denn Bon Jovi (24.), Neil Diamond (27.) und Kylie Minogue (29.) geben sich an der Isar die Klinke in die Hand.

Juni:

Nach vierjähriger Sanierung kommt es zu einem Höhepunkt des Münchner Kulturjahres. Das Cuvilliéstheater wird wiedereröffnet. Und dies standesgemäß mit Mozarts "Idomeneo", mit jener Oper also, die dort 1781 uraufgeführt wurde. Kent Nagano dirigiert, Dieter Dorn inszeniert. Premiere ist am 18. Juni, die Großkopferten dürfen eine Vorab-Vorstellung am 14.6. genießen. Ob es freilich zu regelmäßigen Opernabenden im weltweit schönsten Rokoko-Theater kommt, ist fraglich. Die Staatsoper bockt ein wenig: Die Aufführungen vor naturgemäß kleinem Publikum seien zu teuer.

Wenn das Bayerische Staatsschauspiel das Haus der Kunst verlässt, um wieder ins Alte Residenztheater zurückzukehren, muss endlich ein konsequenter Plan entwickelt werden: Wie ist das gesamte Haus der Kunst zu renovieren? Wie wird es mit was und in welchem Umfang in Zukunft "bespielt"? Hier ist nicht nur die HdK-Leitung, sondern auch das Kunstministerium gefragt.

Das Stadtmuseum richtet sozusagen maßgeschneidert die 850-Jahr-Feier Münchens aus. Die neue umfängliche Dauerausstellung "Typisch München!" wird am 6. Juni eröffnet. Zum Stadtgründungsfest gibt es auch einen Konzertmarathon, darunter einen Abend mit den Münchner Philharmonikern (13.6.).

Die Villa Stuck erzählt alles über die Künstlervereinigung "Münchner Secession", und das Jüdische Museum huldigt der Galerie Thannhauser, ohne die "Der Blaue Reiter" nie in die Öffentlichkeit getreten wäre. In diesem Monat löst auch Donna Leons Commissario Brunetti seinen 16. Fall: "Lasset die Kinder zu mir kommen" (Diogenes Verlag).

Juli:

Einer der wichtigsten und einflussreichsten Dirigenten unserer Zeit setzt sich erstmals ans Regiepult. Nikolaus Harnoncourt inszeniert bei der Grazer Styriarte Mozarts "Idomeneo" (1.7.). Und wird gottlob auch dirigieren: Ob diese Produktion die Münchner Konkurrenz (siehe Juni) alt aussehen lässt? Derweilen ist das Traumpaar wieder vereint, und das in weihrauchschwangerer Kulisse: Anna Netrebko und der hoffentlich von Krise und Krankheit genesene Rolando Villazón beschmachten sich am 19. Juli im Passionstheater zu Oberammergau.

Der nächste Bayreuther Buh-Orkan ist vorprogrammiert. Denn Stefan Herheim, umstrittener, kluger und ambitionierter Regisseur, inszeniert zur Eröffnung der Festspiele am 25.7. das Allerheiligste, den "Parsifal". Fragt sich nur, unter welcher Festivalleitung: Ist Katharina Wagner dann schon Chefin?

Die Salzburger Festspiele starten am 26.7. mit "Schuld und Sühne" in der Regie von Andrea Breth (siehe April), gefolgt von "Don Giovanni" und "Jedermann". Regisseur Christian Stückl hat eine neue Buhlschaft ­ die Münchnerin Sophie von Kessel.

August:

Das Brandhorst Museum in München hat seit Anfang des Jahres einen Chef, Armin Zweite. Nun muss nur noch die Eröffnung stattfinden. Das Kunstministerium hat "die zweite Jahreshälfte" avisiert. Lassen wir uns überraschen, wie flott die Bauleute und die Ausstellungs-Gestalter arbeiten ­ und wann sie fertig werden.

September:

An der Bayerischen Staatsoper beginnt ­ nach holpriger Übergangszeit ­ die neue Ära. Klaus Bachler, derzeit Wiens "Burg"-Chef, eröffnet seine Intendanz blutrünstig: mit Verdis "Macbeth" in der Regie von Martin Ku(s)ej und mit Nadja Michael als mordlustige Lady.

Tom Tykwer stellt seinen Film "International" vor. Das Museum of Modern Art in New York präsentiert "Van Gogh at Night", und die Wiener Albertina huldigt ihm mit der Schau "Gezeichnete Bilder". Das Münchner Haus der Kunst begibt sich auf die "Spuren des Geistigen". Wie Künstler ins Unendliche tauchen, zeigen so Hochkaräter wie Gauguin, Munch, Duchamp oder De Chirico.

Oktober:

Die internationale Super-Sensation läuft in München am Endes dieses Monats an. Das Lenbachhaus präsentiert das Beste vom Besten aus Wassily Kandinskys Schaffen. In Zusammenarbeit mit dem Pariser Centre Pompidou und dem New Yorker Metropolitan Museum wird man das Gesamtwerk optimal abdecken. Eine absolut einmalige Ausstellung, bevor ab März 2009 das Museum geschlossen und umgebaut wird.

Ob der bekennende Scientologe als Widerstandskämpfer gute Figur macht, lässt sich nun im Kino nachprüfen: Der Stauffenberg-Film "Walküre" läuft an ­ ebenso übrigens wie Joseph Vilsmaiers "Brandner Kaspar".

November:

Der 22. James-Bond-Film startet mit Daniel Craig in der Titelrolle, Regie führt der Deutsche Mark Forster. Das Frankfurter Städel widmet sich der "Geburt der modernen Malerei".

Dezember:

Heinrich Breloers Verfilmung des Thomas-Mann-Romans "Buddenbrooks" (1901) wird sicher für Diskussionen sorgen.

Einer der größten Stars unserer Zeit tritt ab. Pianist Alfred Brendel verabschiedet sich in Wien von seinem Publikum. Vielleicht nicht nur mit einer einzigartigen Beethoven- oder Schubert-Deutung, sondern auch mit einem seiner skurrilen Gedichte: "Daß er der Größte war/ daran zweifeln wir nicht./ Aus seinem Kopf wuchert der Lorbeer/ durch die wundertätigen Finger/ schießen Veilchen und Löwenzahn".

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie
Das BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons reiste von München nach Hamburg und gab sein Debüt in der Elbphilharmonie. Wir haben dieses besondere Gastspiel begleitet. 
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie
Elvis bebt - und Priscilla ist der PR-Gag: Konzertkritik zu „The Wonder of You“
Der König ist tot, es lebe der König! Was Elvis Presley zu Lebzeiten nie schaffte, nämlich ein Konzert in München zu geben, das holte er jetzt nach: die Konzertkritik …
Elvis bebt - und Priscilla ist der PR-Gag: Konzertkritik zu „The Wonder of You“
Das Merkur-Konzertabo für unsere Leser
Zum neunten Mal bietet der Münchner Merkur in Zusammenarbeit mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ein Konzertabo an. Vier hochkarätig besetzte Abende …
Das Merkur-Konzertabo für unsere Leser
Klaus Florian Vogt: „Ich bin gerne in einer anderen Welt“
Wagner-Tenor Klaus Florian Vogt steht vor dem härtesten Brocken seiner Karriere: Am Sonntag debütiert er als Tannhäuser - dies in einer Neuproduktion an der Bayerischen …
Klaus Florian Vogt: „Ich bin gerne in einer anderen Welt“

Kommentare