Zwischen Ruhm und Revolution

- Als er als junger Mann die deutsche Bühne betrat, kam das einer Revolution gleich. Ein Aufruhr, den er entfachte - nicht er allein, sondern unter Anleitung seines Partners, Förderers, Regisseurs Peter Stein. Die Rede ist von dem Schauspieler Bruno Ganz. Auf dem Theater ein Elementarerlebnis.

Das war Jahrzehnte bevor er so perfekt wie erfolgreich als Hitlerdarsteller in die Niederungen des Effekt-Kinos hinabstieg. Damals aber, 1967 in Bremen, und später dann an der Berliner Schaubühne, ging von ihm eine unglaubliche Modernität aus, suchend, unperfekt, zweifelnd, sich selbst in Frage stellend und also immer wahrhaftig.

Der junge Bruno Ganz war - ob legendär als Goethes Tasso oder wegweisend als Kleists Homburg - der Inbegriff der 68er-Generation, die Sturm lief gegen die Überväter des westdeutschen Theaters und auf genialisch ungestüme Weise den Staub aus den Kulissen blies. Mit ihm und seiner Spielweise verbindet sich jene Zeit, in der, vorübergehend, die Grundformen der Demokratie Einzug hielten ins deutsche Theater. Heute oft missverstanden als antibürgerlich, war dies doch nichts anderes, als der Versuch, die in den Dramen besungenen bürgerlichen Ideale in den absolutistisch geführten Kulturbetrieben zu realisieren. Zum Schauplatz dieses Traumes wurde die Schaubühne - mit einem um Peter Stein versammelten Ensemble. Und es begann die große Ära des erneuerten, mündig gewordenen deutschen Nachkriegstheaters.

Protagonisten alle, aber Bruno Ganz war unter ihnen der erste. Und weil Kunst und Demokratie auf Dauer nicht zusammengehen können, wurde innerhalb des Kollektivs sehr schnell die Extraklasse dieses Schauspielers offenbar: nämlich in der berühmten Aufführung von "Peer Gynt". In der Inszenierung Peter Steins teilten sich mehrere Schauspieler die Titelrolle. Bruno Ganz aber war der größte - weil er in seiner Kunst der einfachste war.

Natürlich ging der gebürtige Schweizer bald eigene Wege, ohne sich total loszusagen von den künstlerischen Freunden Stein und Botho Strauß. Unter Stein war er in Salzburg Shakespeares Coriolan und in seinem Großprojekt Goethes Faust. Den freilich erst ein paar Wochen nach der Premiere, weil sich der Schauspieler durch einen Probenunfall selbst lahmgelegt hatte. Die Verbundenheit zum Dramatiker Strauß bescherte vor zehn Jahren den Münchnern eine kostbare Begegnung mit Bruno Ganz. 1996 spielte er in Dieter Dorns Inszenierung "Ithaka" den Odysseus.

Heute wird der Schauspieler 65 Jahre alt. Was seine Popularität betrifft, steht er im Zenith seiner Karriere. Was seine Kunst angeht, muss er sich erst noch heraufholen aus den Tiefen des schnellen Ruhms, in die er durch die Verkörperung Adolf Hitlers in dem Bernd-Eichinger-Film geraten ist: eine von Widerstand und Widerspruch befreite und daher so peinliche Eins-zu-Eins Darstellung.

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