Zwischen Sex und Sekte

- In der Musik, ob Klassik oder Pop, wäre so etwas ein Event. Mega-Stars zusammenspannen, auf die Bühne stellen, vor Tausenden ihre Weisen tirillieren lassen - und unten schauen sich die Fans irgendwann verwundert an: Das soll jetzt cool sein? Michel Houellebecq, Frankreichs heftig gehyptem Autor, ist jetzt Ähnliches passiert. Mega-Themen von Sex bis Sekte hat er zwischen die Deckel seines vierten Romans gepresst, hat den in einer Startauflage von 200 000 und in sechs Sprachen auf den Markt geworfen. Aber die medial geschürte Erwartung ist längst einer Ernüchterung gewichen: Ist Houellebecqs Literatur doch nur ein vorübergehendes Phänomen, dessen Wirkung längst verpuffte?

Den Riecher für En-vogue-Themen hat er zumindest. Drei Helden lässt er in "Die Möglichkeit einer Insel" abwechselnd ihre Lebensberichte erzählen. Doch "Daniel 25" bzw. "Daniel 24" haben mit "Daniel 1" viel zu tun: Sie sind Klone ihres Vorfahren, leben in ferner Zukunft, wo nach gewaltigen Klima- und Atomkatastrophen Emotion und Liebe, Mitleid und Gemeinschaftsgefühl nichts mehr gelten. Doch immerhin: Man ist ja - dank ständiger Reproduktionen - irgendwie unsterblich geworden.

Ins Rollen gebracht wurde die Sex-lose Fortpflanzung auf Lanzarote. Dort trifft sich die Sekte der "Elohim", die die außerirdischen Menschheitsschöpfer zurückerwartet, dort bastelt ein wahnwitziger Professor an der Kopierbarkeit des Lebens. Und dorthin ist Daniel 25, Tausende Jahre später, unterwegs, getrieben von einem ihm nicht ganz geheuren Willen, seine ureigenen Anfänge und die Erlebnisse seines Ahns Daniel 1 zu erkunden.

Anfangs schnüffelt und streunt Hund Fox an seiner Seite, ein reinrassiger Corgi, mittlerweile ebenfalls in der x-ten Generation wiederhergestellt. Doch der wird von menschenähnlichen Halbwilden, die außerhalb der Klon-Generationen stehen, dummerweise gemeuchelt.

Dass es eine Zeit vor der künstlichen Erbfolge gab, breitet Houellebecq auf vielen Seiten aus. Daniel 1, Mitglied einer "Generation von endgültigen kids", schätzt an seiner zweiten Flamme Esther vor allem den Sex. Pornografisch, wie (im Herzen voyeuristische?) Sittenwächter aufstöhnten, ist das längst nicht. Und mag Houellebecq auch noch so viele Stellungen erwähnen und dabei böse, schmutzige Worte schreiben: Blutarm, bemüht, oft auch recht pubertär bleiben solche Passagen.

Ohnehin beschleicht einen irgendwann der Gedanke, dass Daniel 1 sehr viel mit seinem Schöpfer Houellebecq zu tun hat. Daniel 1 verdiente Millionen als zynischer Humorist, als derber Satiriker, der sein Publikum mit Sketchen wie "Am liebsten Gruppensex mit Palästinenserinnen" konfrontiert. Der Mann scheint ein Super-Harald-Schmidt, doch die Provokation bleibt Pose, hinter den inszenierten Tabu-Brüchen wird der wahre Daniel/Michel sichtbar: ein hemmungsloser Moralist, der das Verschwinden des Schönen, Wahren, Guten betrauert, dies aber nur unvollkommen mit ätzender Zivilisationskritik tarnt.

Auch der Vorwurf, Houellebecq verherrliche Sekten-Dogmen, zielt daneben. Gewiss werden die Gebräuche der "Elohim" erschöpfend geschildert, und die Parallelen zur real existierenden Gruppe der "Rahelianer" sind unüberlesbar. Doch verbirgt sich dahinter weniger Faszination, sondern vor allem distanzierte Respektlosigkeit. Richtig amüsant wird es sogar, als der Prophet stirbt und sich seine Kamarilla tödliche Nachfolgekämpfe liefert, auf dass die finanziell einträchtige Konstruktion nicht zusammenbricht.

Sekten und Klonen, Midlife-Ängste und Jugendkult, Umweltproblematik und Antikriegspathos, Einsamkeit und das Verschwinden von Lachen, Weinen und Liebe, alle diese Themen werden von Houellebecq nicht kunstvoll verzwirbelt, sondern - und das ist das Hauptproblem des Buchs - bedient. Unschlüssig pendelt die Geschichte zwischen diesen Problematiken, manche Kapitel entfalten schillernde  Spannung,  doch vieles versackt dann doch in raunender Unverbindlichkeit, als ob aus Szenen und Charakteren sämtliche Farbe gewichen ist.

Kein Skandalbuch

"Skandalbuch", davon ist "Die Möglichkeit einer Insel" also weit entfernt. Aber möglicherweise kann da ja der nächste Event-Schritt nachhelfen. Michel Houellebecq selbst will den Roman verfilmen, womit er sich einen Jugendtraum erfüllt. Seltsam nur, dass er bislang seine Ausbildung an einer Filmschule verschwieg: der Kino-Autodidakt also als nächste Pose?

Michel Houellebecq: "Die Möglichkeit einer Insel". Aus dem Französischen von Uli Wittmann. DuMont Verlag, Köln, 442 Seiten; 24,90 Euro.

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