Zwischen Sensation und Albtraum

- Eine Wohngemeinschaft am kalifornischen Strand, in der alle immer nur über Kino quasseln. Kein verspielter Drehbucheinfall, gezeigt beim Filmfest München 2003, sondern das US-Independentkino Anfang der 70er: Nicholas Beach hieß der Ort. De Palma, Scorsese, Coppola, Spielberg und viele ihrer Freunde verbrachten hier ein, zwei Sommer, tauschten Ideen aus und diskutierten, bevor sie auszogen, die Filmwelt zu erobern. Was für eine Zusammenkunft! Erzählt wird sie in dem stupenden Dokumentarfilm "Easy Riders, Raging Bulls" von Kenneth Bowser nach Peter Biskinds Kult-Buch.

<P>Ein Stück saftig-detailreiche Filmgeschichte über die fruchtbare Zeit von "New Hollywood". Nun kehren die Seventies zurück. <BR>Kinogängern ist es längst aufgefallen: Nicht nur als oberflächlichem Modetrend, sondern in den Geschichten und Atmosphären vieler Filme begegnet man den 70er-Jahren. Auch die Filmfest-Sektion der US-Independents, alle Jahre wieder mit Leidenschaft und viel Geschmack von Ulla Rapp aus der nordamerikanischen Filmszene zusammengetragen, belegen diesen Trend. </P><P>Die Ideale der 60er werden durch die Mühle der Desillusionierung gedreht: Wahre Geschichten mischen sich mit politischem Engagement, Dokumentarisches mit Fantasie und Mut zum Extremen. Einer der schönsten Filme: Peter Solletts "Long Way Home", eine Love-Story im Latino-Milieu von Manhattans Lower East Side. Junge Menschen mit wenig Geld und vielen Ansprüchen, Empfindsame, die sich hinter spröden Masken verbergen, bis zögernd das Eis schmilzt. Mit einer geradezu französischen Zärtlichkeit für seine Figuren erzählt Sollett von ihnen.</P><P>Ein Road-Movie mit einem Touch "Bonnie and Clyde" ist Tod Harrisons "The Big Bend". Erst 23 ist der Regisseur dieses Gangster-Movies, in dem es drei junge Typen in die Gegend zwischen Texas und New Mexico verschlägt. Knast und Wüste, zwei Männer und eine Frau - eine ungünstige Kombination. Psychedelisch bunt sind die Bilder von "Spun". Mickey Rourke und Brittany Murphy spielen die Hauptrollen in diesem herrlichen Film von Jonas Akerlund, der als Dokumentation über Drogen geplant war und nun die "Bewusstseinserweiterung" des Zuschauers zwischen Sensation und Albtraum vollzieht.</P><P>Freiheit und Gewalt ist ein roter Faden dieser Filme: Im Amokläufer-Drama "Zero Day" von Ben Coccio und in "American Gun". James Coburn spielt in seiner letzten Rolle einen Kriegsveteran, dessen Tochter erschossen wird. Doppelt traumatisiert, verfolgt er den Weg der Tatwaffe, ein Abstieg in die Hölle. Um das Schicksal der Dreißigjährigen dreht sich "Hysterical Blindness", den man schon deswegen nicht versäumen darf, weil es sich um den neuen Film von Mira Nair handelt und Uma Thurman, Juliette Lewis und Gena Rowlands die Hauptrollen spielen. Die Welt als Supermarkt. </P><P>Schließlich die grandiose Doku: "The Weather Underground", der die faszinierende Geschichte einiger Anti-Kriegs-Aktivisten erzählt, die 1970 in den Untergrund gingen und unter der Formel: "Bringt den Vietnamkrieg nach Hause" Nixon und Co. den Krieg erklärten. Sie bombardierten Regierungs-Ziele, freilich immer so exakt geplant, dass keine Menschen zu Schaden kamen. Ein mutiger Film, eine spannende Reihe - genau das, was man auf dem Filmfest sehen will.<BR><BR></P>

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