Bericht: Linkin-Park-Sänger Chester Bennington ist tot

Bericht: Linkin-Park-Sänger Chester Bennington ist tot
„Es ist befreiend und eine unglaubliche Gnade“: Edita Gruberova, Primadonna assoluta unserer Zeit, singt am 29. April im Gasteig „Wahnsinnsszenen“.

Zwischen Singen und Leben

Mit dem Konzert „Wahnsinnsszenen“ kommt die wohl letzte große Primadonna am 29. April ins Gasteig . Im Interview spricht Edita Gruberova über Heimat, ihren Kampf gegen Bühnen-Schrägen und Koloraturen als Seelentöne.

Das Geheimnis ist gelüftet: Edita Gruberova, die Assoluta, die einzige und wohl letzte große Primadonna, plant eine weitere Premiere: Nach 2012, wenn am Opernhaus Zürich eine neue Intendanz installiert wurde, singt sie dort Bellinis „La Straniera“. Regie führt Christof Loy, mit dem sie in München „Roberto Devereux“ und „Lucrezia Borgia“ erarbeitete. Zunächst aber will sie ihre Münchner Fans irre machen.

Die Elisabetta in „Roberto Devereux“, einen Ihrer größten Erfolge, singen Sie schon einige Zeit. Begreift man diese Königin anfangs?

Sicher nicht. Eine Sache der Lebenserfahrung. Das Wunderbare ist, dass ich noch immer meine Ressourcen habe. Gut, ich muss mich auf meine Technik konzentrieren. Aber heute ist etwas anderes wichtig als vor 15 Jahren. Ich wundere mich manchmal über Karrieren. Wie kann man schon als 30-Jährige alles hinter sich haben? In fünf Jahren den ganzen Verdi oder Bellini durch – und das war’s dann? Ich habe früher von vielen Dingen die Finger gelassen. Es gab immer wieder komische Angebote von namhaften Dirigenten. Die wollten Kaiserin in Strauss’ „Frau ohne Schatten“ oder allen Ernstes eine Aida für die Platte.

Wo sind Sie zu Hause?

Als Königin: Die Gruberova in „Robeto Devereux.“

Eigentlich weiß ich das gar nicht. Vielleicht doch in der Schweiz, da habe ich meine ganze Habe, meine vier Wände. Ich habe mir durch meine Emigrationen, aus der Slowakei, dann aus Österreich immer wieder die Wurzeln ausgerissen. Jetzt sind sie ein bisschen in der Schweiz geerdet. Ich reise ja noch sehr viel. Und wenn ich zu Hause ankommen, habe ich erst Mühe, mich zurechtzufinden. Auch was die wenigen Freunden angeht. Man hat wenig Zeit, um irgendetwas zu pflegen.

Es gibt also eine Entscheidung zwischen Singen und Leben.

Ja.

Und bedauern Sie das?

Nein, weil das Singen das Leben ist. Oft habe ich mir gedacht, gerade wegen der Reiserei: „Wozu? Jetzt ist es genug.“ Aber dann kommt der Abend und diese Magie. Da geht man raus, da ist ein Saal mit bis zu 2500 Leuten, das entschädigt. Andererseits ist es Tage vorher eine unglaubliche Last, weil man weiß, dass viel erwartet wird. Und dann will man alles hinschmeißen. Ich sage mir dann immer: „Ach wäre das schön, zu Hause zu sein, fernzusehen...“

Christof Loy ist Ihr Lieblingsregisseur: Waren Sie durch seine Proben auch von sich selbst überrascht? Dachten Sie über Ihre Bühnenfiguren: Mein Gott, das bin ich auch?

Schon. Aber ich habe auch manches mitgebracht. Ich konnte mit einem Genie wie Giancarlo del Monaco „Roberto Devereux“ erstmals erarbeiten. Das war Schock genug: Er hat aus mir eine alte Frau gemacht. Das, was sich in mir drinnen abspielt, kann mir keiner von außen geben. Es passt einfach mit Loy. Wenn ihm was nicht gefällt, moduliert er es so, dass trotzdem das bleibt, was man empfindet. Es ist eine unglaubliche Chemie zwischen uns. Regie ist da nie Selbstzweck.

Was dürfte ich mit Ihnen also nicht machen als Regisseur?

Kommt auf Ihre Idee an. Ich kämpfe gegen Bühnenschrägen und gegen Stufen. Eine Erfindung von Menschen, die nicht wissen, was wir leisten müssen. Auf einer Schräge stehen, noch dazu mit hohen Schuhen und dann mit voller Kraft singen – unmöglich. Meine Agentur lässt das die Theater immer wissen. Und dann komme ich zur ersten Probe von „Lucrezia Borgia“ in München – und was sehe ich? Eine Schräge. Aber wie! Ich sagte: „Habt Ihr nicht mitbekommen, dass ich das nicht will?“ Da hieß es: „Das ist schon fertig, das kann man nicht ändern.“ Darauf ich: „O.k., auf Wiedersehen, dann müsst Ihr eine andere finden.“ Dann wurde der Boden vorne angehoben, um etwa 60 Zentimeter. Und es ging.

Ihr Konzert heißt „Wahnsinnsszenen“. Ist das überhaupt Wahnsinn, was etwa Lucia di Lammermoor erleidet?

Was ist schon Wahnsinn? Das sind keine Personen, die im Irrenhaus enden. Eine Frau gerät zwischen Männer, die wie Mühlsteine sind. Sie ist nur ein Nebenprodukt der Gesellschaft. Bei Lucia ist es die Unmöglichkeit, sich selbst zu helfen. Eine Flucht in eine Welt, wo man nicht unter Menschen sein muss. Eine Art Überlebenshilfe.

Ist das heute noch so aktuell wie zur Entstehungszeit der Opern?

Als Mörderin: Edita Gruberova in „Lucrezia Borgia“.

Absolut. Deswegen kann man sich die Opern ja auch so aneignen. Die Flötenkadenz in der Wahnsinnsszene der Lucia ist kein Produkt des 19. Jahrhunderts für irgendeine Sängerin. Belcanto-Komponisten wie Donizetti sind für mich so genial, weil sie elementare Emotionen ausdrücken. Das spricht total meine seelische Befindlichkeiten an. Dieser Dialog mit der Flöte... Wenn man allein ist und unglücklich, spricht man doch mit sich selbst. Wie genialer kann so etwas dargestellt werden als mit Koloraturen? Im Kopf tut sich was, und dann kommen Koloraturen aus einem heraus... Ich entfliehe da irgendwohin. Selbst wenn ich die Anlagen dazu hätte, würde ich ungern schwere Verdi-Partien singen wollen.

Und das tut gut? Oder besteht nicht die Gefahr, dass einen das erst recht herunterzieht?

Es ist befreiend. Eine unglaubliche Gnade. Und das berührt die Menschen auch noch. Das ist eben der Clou für mich: Wie berühre ich mich selbst – und wie springt das über? Alles schwer zu erklären... Ich bin erst nach vielen Jahren daraufgekommen.

Aber wenn man immer wieder diesen Moment sucht, kann er doch zur Sucht werden.

Es dauert nur zwei Stunden. Danach fällt man wie eine Tomate auf den Boden. Man sitzt in der Garderobe, schminkt sich ab, trifft Fans am Bühnenausgang, geht ins Hotel – und sagt sich: Und jetzt?

Für Sie war Singen immer eine moralische Verpflichtung, Ihre Gabe weiterzugeben...

Deshalb erlaube ich es mir ja noch in diesem netten, zarten Alter (lacht). Weil es mir gestattet ist, meine Stimme zu beherrschen. Natürlich steckt viel Arbeit, viel Wissen dahinter. Trotzdem: Es wird erlaubt. Und dafür bin ich sehr dankbar.

Arbeitet man immer weiter an sich? Oder wird Technik irgendwann beherrscht?

Eine Gesangslehrerin sagte mir vor drei Jahren: „Sie haben jahrzehntelang toll gesungen. Aber es war ein bisschen daneben.“ Da war ich fast beleidigt und wollte ich wissen: „Um Gottes willen, was heißt das?“ Und ich habe etwas Neues erlernt. Die ersten „Roberto“-Vorstellungen habe ich mit dieser anderen Technik noch nicht gesungen, auch zunächst die Norma nicht. Es geht um rein organisches Wissen, um die Stütze, um das Zwerchfell. Und so habe ich in meinem zarten Alter noch immer keine Probleme mit Spitzentönen oder Fortestellen. Das „Bisschen-Daneben“ ist zum „Bisschen-mehr“ geworden!

Das Gespräch führte Markus Thiel.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Sing mein Song“-Star Seven: „Bin ein sensibler Kindskopf“
Er war bei „Sing mein Song“ in der Schweiz dabei. Und Jan Dettwyler, der sich Seven nennt, brennt für Musik. Er erzählt uns über seine Motivation und aus seiner …
„Sing mein Song“-Star Seven: „Bin ein sensibler Kindskopf“
Malaysias öffentlich-rechtlicher Rundfunk darf "Despacito" nicht mehr spielen
Das muslimisch geprägte Malaysia hat dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk untersagt, den weltweiten Sommerhit "Despacito" zu spielen.
Malaysias öffentlich-rechtlicher Rundfunk darf "Despacito" nicht mehr spielen
Metal-Front-Frau Doro Pesch: „Wollte Menschen immer nur glücklich machen“
Sie ist eine der wenigen erfolgreichen Frauen im Metal-Geschäft: Doro Pesch rockt seit fast 35 Jahren die Bühnen der Welt. Am 6. Dezember ist sie auch in München zu …
Metal-Front-Frau Doro Pesch: „Wollte Menschen immer nur glücklich machen“
Unsere Video-Nachtkritik zu „Carmen“ bei den Bregenzer Festspielen
Gestern Abend starteten die Bregenzer Festspiele mit der Premiere von Bizets „Carmen“ auf der Seebühne. Zwar regnete es 70 Minuten - dennoch sei eine spektakuläre …
Unsere Video-Nachtkritik zu „Carmen“ bei den Bregenzer Festspielen

Kommentare