Zwischen Stolpersteinen

- Ein Mann liegt quer hingestreckt überm Trottoir; lässig auf einen Arm gestützt, eingepackt in eine Panzerung, halb Football-Spieler, halb Käfer. "Der Stolperstein" hat Jeff Wall diese seltsame Serviceleistung betitelt, die in einem belebten Geschäftsviertel zwischen gläsernen Hochhäusern angeboten wird: Ein Aktenkoffer-Träger sitzt schon am Boden, eine junge Frau fällt gerade - obwohl "The Stumbling Block" eigentlich gut zu sehen ist. Dieses großformatige, in seiner Leuchtkraft so hyperrealistische wie unwirkliche Foto ist Teil der Ausstellung "Partners" im Münchner Haus der Kunst. Die Kanadierin Ydessa Hendeles stellt darin nicht einfach bloß ihre Sammlung in Europa vor, sie hat vielmehr aus einigen Installationen und Fotoserien eine eigene Groß-Installation geschaffen.

<P>Das heißt, als Kuratorin wurde sie zur Künstlerin, hat überdies zusätzlich selbst Raum-Arbeiten entwickelt, die in das umfassende Konzept integriert sind. So das in seiner Fülle überbordende Archiv, das auch der Exposition ihren Namen gegeben hat: "Partners (The Teddy Bear Project)" sowie "Ships (The Zeppelin Project)" mit zahlreichen alten Luftaufnahmen, unter anderem von München und Herrenchiemsee. Ob in ihren Werken, ob in denen der anderen Künstler, ob in der übergreifenden Schau, immer kommt es Hendeles auf den Stolperstein an. </P><P>"Mein Subjekt ist die Kultur." <BR>Ydessa Hendeles</P><P>Ein bequemes Durchflutschen durch die Ausstellung - ah, hier der Paolini, ah, da der Nauman - wird mit subtilen Mitteln verhindert. Zunächst geht die Sammlerin, die weltweit als eine der wichtigsten gilt, noch recht sanft vor, legt nur kleine Steinchen aus. Wer dann tiefer in die Räumlichkeiten vordringt und damit intensiver die Argumentationslinien erfasst, muss eine zunehmende Schärfe und Härte ertragen. Das, was das Leben lebenswert und human macht, Liebe und Schönheit, symbolisiert durch die Familienfotos und die Venus-Skulpturen, zerfällt durch das, was ebenfalls menschlich ist: Gewalt, sei's im Sex, sei's Krieg, Selbstmord, Sport, Psychoterror - die Stolpersteine werden beängstigend.<BR><BR>Hendeles betont, dass sie sich als Sammlerin nicht für "Trophäen" interessiert, sie will vielmehr wissen, was hinter den Phänomenen steckt, den Menschen ergründen: "Mein Subjekt ist die Kultur." Deswegen ist der größte Stolperstein das Haus der Kunst selbst, denn es wurde von Hitler für eine Kunst gebaut, die Lüge ist. Die vor allem hinweglog über das Mörderregime. Ydessa Hendeles, Tochter von KZ-Überlebenden, spricht klar, jedoch ohne Vorwurf vom "deutschen Drama", vom "jüdischen Drama", will das "Weltgedächtnis" aktivieren, aber auch die "persönliche Geschichte" nicht außer Acht lassen - und vor allem nicht die Zukunft. So sieht sie ihre Position zwischen der ihrer Mutter und der ihres halbwüchsigen Sohns: Als sie Maurizio Cattelans Hitler-Figur gekauft hat, war die Mutter entsetzt, der Sohn habe nur gemeint: "eine coole Skulptur".<BR><BR>Die Ausstellung "Partners" im Haus der Kunst fängt klein an, ganz klein. Ein winziges, etwas dunkles Selbstporträt der Fotografin Diane Arbus, das gut bürgerliche Foto einer Gangsterbande um 1900 und ein Minnie-Mouse-Blechspielzeug. Schaut man nach links, locken die zwei antiken Venus-Abgüsse von Paolini in die Höhen der Kunstwelt, geradeaus lockt ein Archiv mit Vitrinen, Wendeltreppen, Galerien und Tausenden von Fotos in die Wärme der Kuschelwelt. Familien, Kinder, Stars, Hunde, halb verruchte Lolitas - alle mit Teddybär. Diese sind, natürlich edel-alt, auch selbst präsent, inklusive Cattelans Wuschel-Hund. Der wird vom Wachpersonal besonders liebevoll geschützt, das damit gleichfalls zum Kunstobjekt mutiert. Hier presst sich in zwei Räume unser Harmonie-Traum. Nur beim Lesen der Schriftstücke wieder Stolpersteine; etwa die Geschichte von Hilde Jacobsthal aus Amsterdam, die im Widerstand den Judenmord überlebte. <BR><BR>Edle Aura, Mord und Selbstverbrennung</P><P>Stolperstein und ironische Verniedlichung im nächsten Saal mit Cattelans "Him": Hitler, auf Bubengröße geschrumpft, angetan mit Pfeffer-und-Salz-Knickerbockeranzug und Schnürstiefeln, kniet und betet flehentlich. Grausam naturgetreu, sodass man bis an die Wand zurückweicht. Gerade hier lässt Hendeles diesen Argumentationsstrang in einer Sackgasse enden. Wie überhaupt die gesamte Raumführung unaufdringlich und klug ist.<BR><BR>So sehr die Sammlung von Ydessa Hendeles mit feinsten Namen der zeitgenössischen Kunst protzen kann - und nach München hat sie nicht nur Jeff Wall, James Coleman (beide Träger des Kunstpreises München) oder On Kawara mitgebracht, sondern eine sehr schöne Arbeit von Hanne Darboven, so sehr sorgfältig sie diese als Kuratorin präsentiert, so genau dosiert sie deren Aura: Darbovens Serie "Ansichten >82

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