Zwischen den Stühlen - Lars-Ole Walburg inszeniert ein Projekt nach Orhan Pamuks Roman "Schnee"

München - Schon vor der Premiere kann man sagen, dass diese Inszenierung in zweifacher Hinsicht ungewöhnlich ist. Zum einen gibt es selten türkische Stoffe und Stücke auf deutschen Bühnen. Und zum anderen, sagt Regisseur Lars-Ole Walburg, erhalte man von anglo-amerikanischen Agenturen in der Regel die Aufführungsrechte für einen weltweit erfolgreichen Roman erst, wenn er auch nach Jahren nicht in Hollywood verfilmt wurde.

In Anbetracht dessen mussten sich die Münchner Kammerspiele für "Schnee" also gar nicht so sehr abstrampeln.

Der Roman des türkischen Nobelpreisträgers Orhan Pamuk wird mit Bernd Moss in der Hauptrolle des Dichters Ka an diesem Samstag um 19.30 Uhr uraufgeführt. "In unserem Fall machte sich der Münchner Hanser Verlag dafür stark, und Frank Baumbauer traf Pamuk bei seiner Lesereise. Wenn der Autor selbst Interesse hat, ist das natürlich förderlich", sagt der 42-jährige Walburg, der in München zuletzt Lukas Bärfuss' "Die Probe" inszenierte. Was dem ehemaligen Basler Schauspielchef, der 2009/ 2010 in Hannover Intendant wird, zunächst gar nicht bewusst war, machte ihm sein türkischstämmiger Regieassistent klar: Es sei für die Türken und besonders die Intelligenzia in Istanbul sehr bedeutsam, dass in Deutschland ein türkischer Stoff gespielt wird.

Politisch ist er noch dazu: Um die Selbstmorde mehrerer junger Frauen in Ostanatolien zu recherchieren, kehrt ein in Deutschland lebender Dichter in seine türkische Heimat zurück. Nebenbei versucht er, seine einstige große Liebe wiederzufinden. Doch in der durch einen Schneesturm abgeschotteten Provinzstadt Kars gerät er in einen Putsch und zwischen die Frontlinien von Islamisten und Laizisten.

"Das Thema sind zwei verschiedene Kulturen", sagt Walburg. "Es geht um Frankfurt, wo man keine Zeit hat, und ein ostanatolisches Kaff, wo man die Armut kaum erträgt. Orient und Okzident, Kommunikation und Einsamkeit: Pamuk ist ein Wanderer zwischen diesen Welten. Er weiß, wovon er schreibt, denn er sitzt selbst zwischen den Stühlen." Trotz der eindeutigen Thematik hat sich Walburgs Blickwinkel seit der ersten Lektüre des Buches verändert: "Ein ostanatolisches Dorf bleibt uns fremd. Im Kern geht es uns um die Frage, wie man glücklich werden will, ob alleine, durch Kreativität, Selbstverwirklichung, Liebe. Gezeigt wird ein Kaleidoskop von Leuten, die ihr Leben überprüfen."

Nimmt Walburg dem Stoff damit also das Politische? "Wenn man einen Roman auf ein Theaterstück reduziert, entscheidet man sich zwangsläufig gegen einige Handlungsstränge", verteidigt er sich. "Eine enttäuschte Hoffnung auf Liebe bildet hier den Mittelpunkt. Und es gibt eine Migration in verschiedene Richtungen. Auch wird die Gretchenfrage ,Wie hältst du's mit der Religion? vor dem Hintergrund des Islam gestellt, und dies in Zeiten eines zunehmend fundamentalistischer werdenden Katholizismus." Auf keinen Fall will Walburg "ostanatolisches Elend folkloristisch mimen". Das Städtchen Kars versteht er "als Übersetzung für das, wonach man sich sehnt".

Und welche Pläne hat der designierte Intendant für Hannover? "Wir wollen nicht mit den großen ,Feuilleton-Theatern wetteifern, die nun einmal mehr Geld bekommen. Wir wollen neugierig und jung sein und uns dadurch von anderen absetzen", kündigt Walburg an. Konkreter wird er noch nicht. Er muss ja zurzeit mit dem Kopf in München sein. Der Erwartungsdruck bei dieser Uraufführung sei schon hoch. "Man weiß nicht, ob man sich damit besonders glücklich oder unglücklich macht."

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