Zwischen ungestüm und unbewältigt

- Großes Aufatmen. Gut gegangen. Oder? Die erste Spielzeit des Münchner Volkstheaters unter der Intendanz Christian Stückl läuft an diesem Wochenende aus. Noch eine Vorstellung - "Romeo und Julia" - und dann das Sonntagsfest, ab 18 Uhr, bei freiem Eintritt.

<P>Was gibt es überhaupt zu feiern? Dass die erste Saison weitgehend ohne größeren Schaden überstanden ist. Dass das so kleine wie junge Ensemble sechs Premieren bestritten und sich damit höchst achtbar geschlagen hat. ("Nicht Fisch nicht Fleisch" war eine Übernahme von den Tiroler Festspielen Telfs.) Dass die Auswahl der Stücke nicht mit jedem Titel Weisheit verrät und der Intendant dennoch "überlebt" hat. Und dass sich mit jugendlicher Unbekümmertheit das Volkstheater doch seinen Platz in dieser Stadt gesichert zu haben scheint.</P><P>Was wurde geboten zwischen Oktober 2002 und Juli 2003 ? Zunächst die Eröffnung mit Shakespeares "Titus Andronicus". Unglücklich die Entscheidung für dieses Stück aus zweierlei Gründen: Erstens hat es Regisseur und Schauspieler massiv überfordert; durch so viel Unbewältigtes blitzten nur manchmal Archaik, Wildheit und Ungestüm. Zweitens musste Stückls "Titus"-Inszenierung konkurrieren mit der des Residenztheaters. Zu dieser Herausforderung hätte er es erst gar nicht kommen lassen dürfen. Künstlerisch zu wenig Glück hatte das Volkstheater auch mit seinem zweiten Shakespeare - mit "Romeo und Julia", der letzten Premiere dieser Saison. Regisseur Nuran Calis machte die Liebestragödie aus der Renaissance zur Lovestory von heute - was, da insgesamt zu unbedarft, nicht logisch aufging.</P><P>Das gelang sehr viel besser mit Schillers "Räubern", wofür Intendant Stückl in letzter Minute die Regie übernahm. Aus der Not machte er eine Tugend: kreatives Chaos auf der Bühne, manchmal haarscharf an der Klamotte vorbeischrammend, voller Vitalität und Charme. Ein Ensemble stellt sich dar - in seiner Unfertigkeit, darin, dass es gerade erst mit dem Schauspielerberuf beginnt, ehrlich, spielsüchtig, ohne Allüre. Sympathisch. Das trifft auch zu auf die "Durstigen Vögel", vom Autor Kristo Sagor selbst inszeniert, und auf die "Geierwally", den Publikumsrenner im Repertoire. Und gleichsam gelungenes Beispiel dafür, wie so ein bayerisches, volksstückmäßiges Herz-Schmerz-Schluchz-Klischee-Drama durch handfesten Regie-Zugriff neue Qualität erhält.</P><P>Problemfall des Spielplans ist Ibsens "Klein Eyolf": eine gute Aufführung, aber ein zu unbekanntes Stück. So hat die Produktion es schwer, ihr Publikum zu finden.</P><P>Wie's weitergeht an der Brienner Straße? Am 3. Oktober ist Premiere: "Jagdszenen aus Niederbayern" von Martin Sperr. Alles andere ist noch nicht spruchreif.</P><P> </P>

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