Zwischen Volksschauspiel und Parodie

München - Ein Fest der Sinne! Auch wenn das klingt wie einer dieser typischen Kaufhaus-Werbesprüche, es trifft rundum auf den Auftakt von Münchens Winter-Tollwood (bis 31. Dezember) zu: Anton Hamiks zum bayerischen Klassiker avancierte Komödie "Der verkaufte Großvater" und dazu eine wohlige leibliche Erwärmung durch Sarah Wieners bayerisch-süddeutsche Köstlichkeiten, das ist als Adventserlebnis kaum zu überbieten (Alpenzelt).

Vorweg muss es jetzt mal heraus: Diese inflationären TV-Koch-Shows, in denen auch Sarah Wiener emsig mitbrutzelt, findet man allmählich ätzend dekadent (die Deutschen nur noch Feinschmecker und Fresser?). Aber einmal so richtig schön mit Wiener geschlemmt - vom gebeizten Forellentartar übers Zanderfilet mit Fenchelbutter zum Spanferkel mit Speckkrautsalat, getoppt von frischen Waffeln mit Zimtkirsch- und Aprikosenragout, und alles bio, alles öko -, das darf sein, wenn der "Hauptgang" dann als bajuwarischer Bauern-Music-Comic so fetzig amüsant über die Bretter geht wie bei Gabi Rothmüller und Alexander Liegl.

Das für schräge kabarettistische Inszenierungen bekannte Regie-Duo (u.a. das Germanical "Siegfried", das Armbrustical "Wilhelm Tell") hat mit seinem Beinahe-Musical klug jedem Vergleich mit dem legendären Kroetz-Rehberg-"Großvater" (fürs Münchner Volkstheater) vorgebaut. Ihr Kreithofer-Großvater ist ein Spätlese-Motorrad-Freak. Wenn der an seiner Maschine bastelt, sind, RumpelKrachZisch, Haus und Hof explosionsgefährdet. Er grinst sich eins in seinen wolkigen Bart, und wenn die Village Buam es aus Gitarre, Bass, Keyboard und Schlagzeug rockig krachen lassen, schwingt Winfried Hübners Großvater lebenslustig die rundlichen Hüften. Großartig gerissen ist er auch in dieser bauernschlauen Geschichte: Der neureiche Haslinger hat erfahren, dass der Kreithofer-Großvater zwei schöne Häuser besitzt. Also kauft er ihn dem bankrotten, nichts vom Großvater-Besitz ahnenden Sohn ab.

Aber der alte Fuchs hat die Intrigenfäden in der Hand. Genüsslich schaut er der Verzweiflung der eigenen echten und den Ränken der falschen Familie zu. Während Titus Horst als ruinierter Jammerlappen-Kreithofer mit der Selbstmordschlinge um den Hals durchs Gehöft schleicht, hechelt Norbert Heckner als gestresster Haslinger im Dienste des kommandierenden neuen Familienmitglieds umher und muss Gattin Nanni sogar als Pediküre an Großvaters Zehen tätig werden. Und dann ist es auch noch ein Kreuz mit Tochter Ev, die sich, pfui, in den neuen Knecht verknallt hat, der aber in Wahrheit der Enkel ist vom Schlitzohr-Großvater. Und der wendet am Ende alles zum Guten.

Und warum ist dieser im Grunde stinknormale Bauernschwank so schnittig? Weil Rothmüller und Liegl sehr geschickt einen Zwischenton treffen zwischen Volksschauspiel und parodistischer Überzeichnung. Und weil auch alle Beteiligten immer wieder so einen satten (US-)Schlager singen, der haargenau zur Situation passt, sei es "Chanson d' Amour" von The Manhattan Transfer oder Grönemeyers "Männer" oder Sinatras "My Way".

Drei Background-Singers und die Darsteller-Crew singen prächtig, vor allem die stimmlich ausgebildete Conny Kreitmeier (Nanni). Vom Dirndl bis zum Leoparden-Dress und Cowboyhut hat die Show auch optisch was zu bieten. Wie gesagt: Es ist ein Fest der Sinne.

Weitere Vorstellungen:

bis 31. 12., 20 Uhr, Einlass für das Fest-Bankett 17.30 Uhr; Nachmittagsvorstellungen, ohne Fest-Bankett, 15 Uhr.

Karten unter Telefon: 0180/ 54 81 81 81

Mehr zum Festival gibt es in unserem Tollwood-Special

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