Zwischen Wintermärchen und Kunstrasen

- Meterlange grüne Kunstrasenbahnen, dazu die hallende Akustik einer Sporthalle. Wo ist man da hingeraten, mitten auf der Frankfurter Buchmesse? Es handelt sich um die vielversprechende "Fußball-Welt" - die WM 2006 in Deutschland wirft ihre Schatten auch zwischen Bücherständen voraus. Diese Präsentation von einem bisschen Fußballnippes hat allerdings den Charme eines verlassenen Sportplatzes bei ausgehendem Flutlicht. An den Kickertischen tummeln sich ein paar Schüler, die andernorts die Gänge vor den großen Verlagen verstopfen.

Schulklassen in Massen

Obwohl die Fachmesse erst an diesem Wochenende für die Öffentlichkeit zugänglich ist, wurden bereits zuvor Schulklassen in Massen hineingehievt, was die Arbeitsatmosphäre doch stört, aber zuverlässig Einnahmen und Besucherzahlen steigert. Kein Wunder, dass diese Messe ihre eigenen Rekorde immer wieder bricht, auch mit in diesem Jahr über 7200 Ausstellern. Immerhin 75 davon sind mit der "Ersten Frankfurter Antiquariatsmesse" neu hinzugekommen: ein heimeliger, in sich abgeschlossener Bereich, wo die Zeit stillzustehen scheint und zum Unikat gewordene Bücher vorsichtig in Schutzumschlägen, wenn nicht gar in Vitrinen ausgestellt werden. Diese Teilmesse werde keine Eintagsfliege bleiben, sagt ihr Leiter Detlef Thursch. "Die Aussteller sind mit dem wirtschaftlichen Erfolg zufrieden. In den ersten drei Stunden läuft bei uns das Hauptgeschäft."

Im Gegensatz zur übrigen Messe wird hier ab dem ersten Tag verkauft. "Handel lebt vom Handel", sagt Dietrich Schaper, Antiquar aus Hamburg, denn man treibt auch untereinander Geschäfte, was wegen der 26 ausländischen Antiquare besonders reizvoll ist. Für mehr Internationalität sorgt die Anbindung an die Buchmesse auch bei den Kunden.

Unter diesen sind übrigens - wie könnte es anders sein - besonders viele Verleger. Auf den Besuch von Joschka Fischer, noch Bundesaußenminister, wartet man an diesem Tag zum Bedauern Thurschs vergebens. "Der war doch auch mal Antiquar." Außerhalb dieser Insel der wohl leidenschaftlichsten Bücherliebhaber drängt sich wieder eher Großformatiges auf. Der Prospekt einer riesigen nackten Pamela Anderson lockt an den ansonsten nüchternen Stand des Kunstbuchverlags Taschen. Dort ist in limitierter Auflage der 1500 Euro teure XXL-Band "Artists and Prostitutes" des Fotografen David LaChapelle erschienen. Bei genauem Hinsehen schimmern hier und da aber auch die kleinen Schätze hervor. Der Schweizer Unionsverlag hat gerade in Zusammenarbeit mit der Robert-Bosch-Stiftung Band eins seiner 20-teiligen "Türkischen Bibliothek" herausgebracht, die Anthologie "Von Istanbul bis Hakkâ^ri". Ilkner Özdemir, die mit einer Erzählung darin vertreten ist, stellt fest: "Mehr als 2,5 Millionen Türken leben in Deutschland. In einem literarischen Sinn aber kennen Deutsche und Türken einander nicht."

Orhan Pamuk, der am Sonntag den Friedenspreis bekommt, und Yasar Khemal bilden eine Ausnahme. "Viele türkische Schriftsteller sind durch ihre politische Haltung hier bekannt, nicht durch ihre Literatur", ergänzt der Krimiautor Ahmet Ümit. Die Reihe, die bis 2009 abgeschlossen sein wird, enthält zu je einem Drittel klassische und zeitgenössisch Autoren sowie Anthologien.

Ein Ereignis in der deutschsprachigen Literatur ist im kommenden Jahr der 150. Todestag Heinrich Heines am 17. Februar. Doch prunken die Verlage damit nicht wie bei Thomas-Mann-, Schiller- oder Goethe-Jubiläen. dtv hat ein kleines Magazin aufgelegt, das die aktuell erhältlichen Heine-Bücher anpreist, von "Essen und Trinken mit Heinrich Heine" bis zum Gedichtband "Heinrich Heine für Große und Kleine". Neu ist bei dtv die siebenbändige, kommentierte Heine-Ausgabe von Klaus Briegleb. Und Heines Original-Verlag Hoffmann und Campe verkauft zum Fest die 16 Bände der sogenannten Düsseldorfer Ausgabe für 599 statt 1458 Euro. Insel ehrt den Dichter mit einigen Neuerscheinungen. Eine Auswahl autobiografischer Texte vereint das Buch "Mein Leben", Heines kritische Auseinandersetzung "Deutschland. Ein Wintermärchen" ist als Neuausgabe schon für fünf Euro zu haben.

Gebrauchsanweisung für das Partygespräch

Und demjenigen, vor dessen Auge schon die Buchstaben tanzen und der gar nicht mehr weiß, wie er das Lesen noch genießen soll, dem sei das bei C.H. Beck erschienene Brevier "Ulrich Greiners Leseverführer" empfohlen: eine Gebrauchsanweisung zum Lesen schöner Literatur, die für den intellektuellen Party- oder Buchmessentalk die richtigen Fachbegriffe vermittelt. Noch heilsamer, als über das Lesen zu lesen, ist natürlich einfach Schmökern und dann im Buch hängenbleiben.

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