Zwischen Zeitgeist und Privatleben

- Wenn Biografien über Popstars erscheinen, erwartet den Leser selten viel Neues, steht ihr Privatleben doch ohnehin ständig im Rampenlicht. Nicht so bei Herbert Grönemeyer. Der Ruhrpott-Barde hält seit Jahren alles Private so beharrlich geheim, dass Ulrich Hoffmanns Grönemeyer-Buch eine Entdeckungsreise in das Leben und Schaffen von Deutschlands berühmtestem Rockstar ist. Und so ist es nicht verwunderlich, dass der Sänger das von ihm nicht autorisierte Werk bekämpft hat. Angeblich seien 53 Verletzungen des Persönlichkeitsrechts festzustellen, auch gegen die zweite Auflage wurden einstweilige Verfügungen erwirkt.

<P>Selbst wenn der Autor nie selbst mit dem Künstler gesprochen hat, wäre es ungerecht, dem Musikjournalisten schlampige Recherche vorzuwerfen. Hoffmann hat auf 267 Seiten ein faires und differenziertes Porträt des Phänomens Grönemeyer abgeliefert. Seine eigenen Einschätzungen immer klug im Hintergrund belassend, arbeitet er streng dokumentarisch, jedes Grönemeyer-Zitat ist akribisch mit Quelle und Datum belegt.<BR><BR>Erinnerungen der Weggefährten</P><P>Hauptsächlich nähert sich Hoffmann dem Künstler über die Erinnerungen der Weggefährten. Musiker wie Ex-Band-Gitarrist Gaggy Mrozeck, Produzenten wie Edo Zanki, Branchen-Kollegen wie Bap-Frontmann Wolfgang Niedecken lässt der Autor die Karriere eines ungewöhnlichen Musikers erzählen. Angefangen mit der unbeschwerten Kindheit des am 12. April 1956 in Göttingen geborenen Herbert Arthur Wiglev Clamor Grönemeyer, der mit mit zwölf seine erste Band gründet über den schnellen Aufstieg des 20-Jährigen zum musikalischen Leiter des Bochumer Schauspielhauses. Dann 1981 der schauspielerische Durchbruch in Wolfgang Petersens "Das Boot", gleichzeitig Konzerte vor fast leeren Hallen.<BR><BR>Doch gegen alle widrigen Umstände macht Grönemeyer weiter, widersteht jeder Versuchung, kommerzieller zu werden oder sich gar, wie von der Plattenfirma erwünscht, in "Herbie Green" umzunennen. 1984 übertrifft das Album "4630 Bochum" mit der Single "Männer" alle Erwartungen, seitdem ist Grönemeyer Stammgast in den Hitparaden - trotz Kritiker-Nörgelei an der "verbalarmen Stummelsprache" und der "exaltierten Gestik".<BR><BR>Die Erinnerungen derer, die mit ihm arbeiteten, erlauben intime Einblicke in die Arbeit des Musikers. So erfährt man, dass die markanten Texte nur mit Widerwillen und erst unter Abgabedruck entstehen. Erste Aufnahmen seiner Songs betextet er mit englischem Kauderwelsch, um sich danach in quälendem Perfektionismus die passenden Worte abzuringen. Grönemeyer liefere sie "quasi im Baukastensystem", schreibt Hoffmann. "Eine Art Gedankencompilation, fragmentierte Denkideen, ein Mixtape der Wünsche, Fantasien, Hoffnungen." Texte, die nicht nur den Zeitgeist oder politische Missstände thematisieren, sondern immer auch ein bisschen die Entwicklungen im Privatleben des Künstlers widerspiegeln. </P><P>Die Krebskrankheit von Ehefrau Anna und ihr Tod im November 1998 machten wohl erst "Mensch" möglich, das bisher persönlichste Album und aus Hoffmanns Sicht Grönemeyers Meisterwerk.<BR><BR>Und doch melden sich auch Stimmen zu Wort, die das vermeintliche Gutmenschen-Image ankratzen. Ehemalige Bandmusiker, die über Hungerlöhne klagen, der Rivale Marius Müller-Westernhagen, der mit Grönemeyer um den deutschen Pop-Thron wetteifert, und Journalisten, die ihn als schwierigen Interviewpartner kennen, der beim Autorisieren der Texte erbarmunglos den Rotstift schwingt. </P><P>Es mögen solche Passagen sein, die der Sänger per Gerichtsbeschluss streichen ließ, laut Verlag handelt es sich bei den Streichungen aber nur um "Kleinigkeiten". Das nährt die Hoffnung, dass eine zweite und überarbeitete Auflage das bleibt, was das Original war: eine lesenswerte Fundgrube für Grönemeyer-Fans mit Einblicken ins deutsche Popmusik-Business. Und das authentische Porträt eines unkonventionellen Künstlers, der, ohne sich je zu verbiegen, den Weg nach ganz oben geschafft hat.</P><P>Ulrich Hoffmann: "Grönemeyer".<BR>Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg. <BR>267 Seiten, 19,90 Euro.<BR></P><P> </P>

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