Zwischenmahlzeiten

München - Und wenn nun jede Premiere ein Knaller gewesen wäre? So gut, so spannend, so irrsinnig toll besetzt und inszeniert, dass sich die Fans um Karten balgen und ganz Operndeutschland neidblass an die Isar starrt? Dann hätte München ja die Utopie geschafft. Also etwas Unerreichbares. Das permanente Opernglück ist eben nicht zu haben.

Das muss man sich schon immer wieder vorsagen, wenn man auf die gerade abgelaufene Spielzeit 2007/ 2008 blickt und sich ein wenig freut, mindestens genauso oft aber auch ziemlich ärgert.

Beide Häuser, die Bayerische Staatsoper und das Gärtnerplatztheater, laborierten an ihrer Umbruchssituation. Das Gärtnerplatztheater, weil zwar abzusehen ist, wohin Ulrich Peters will, der Neu-Intendant aber noch nicht ganz Tritt gefasst hat. Und die Staatsoper, weil diese Saison noch einmal von einem Direktorium bestimmt wurde, das vorübergehend an der Spitze stand - bis im September Nikolaus Bachler den Thron besteigt.

Zwischenmahlzeiten also. Und geschmeckt haben sie größtenteils so lala. Wobei das Gärtnerplatztheater unterm Strich in die Negativbilanz rutscht. Mozarts "Figaro" in der Inszenierung Alfred Kirchners zum Start der Ära Peters floppte. Auf der Negativseite auch Lehárs "Lustige Witwe" (Jan Richard Kehl), Philipp Glass' "Die Schöne und das Biest" (Rosamund Gilmore) und die Rockoper "Christ O", mit der man sich an die Jugend heranschmiss.

Unter Haben sind dagegen Hausherr Peters' Einrichtung von Aubers "Fra Diavolo" zu verbuchen und die beiden Publikumsrenner "Ein Käfig voller Narren" (Helmut Baumann) und Verdis knackiges Früh-Stück "I Masnadieri" (Thomas Wünsch) - eine bestens ausgelastete Produktion, für die das vorsichtige Leitungsteam durchaus noch mehr Vorstellungen hätte ansetzen dürfen. Den übelsten Nachgeschmack hinterlässt allerdings "Der Mann im Mond", das Märchenspiel von Nazi-Komponist Cesar Bresgen, woran auch die manierliche szenische Lösung von Holger Seitz wenig änderte.

Statt stringenter Linie schwebt Ulrich Peters etwas anderes vor: größtmögliche Vielfalt. Für dieses Haus mit seinem breit gestreutem Publikum (und der steten Angst vor Besucherverlusten) ist dies genau das Richtige. Was noch fehlt: dieses Vorhaben mit dem entsprechenden Mut auch umzusetzen. Denn so brav, zuweilen haus- und altbacken muss Musiktheater nicht aussehen. Auch der Gärtnerplatz-Abonnent ist ja womöglich offener, wagemutiger, als man sich das im Intendantenbüro so ausmalt.

Ein Vorwurf, der übrigens auch die Staatsoper trifft, und das nicht nur in der abgelaufenen Saison. Zwei Möglichkeiten hätte es gegeben, die - zugegeben heikle - Interimszeit zwischen dem geschassten Fast-Intendanten Christoph Albrecht und Nikolaus Bachler zu überbrücken. Die eine: für die Ersatzproduktionen Risikolustiges, Theaterpralles aufzufahren - mit der Gefahr, dass etwas danebengeht, aber eben auch mit der Chance, dass Aufregendes, Verstörendes entsteht. Die andere Möglichkeit: eine Nummer-sicher-Lösung. Nichts ist jedoch schlimmer, wenn Produktionen nur Achselzucken provozieren, wie es eben bei Tschaikowskys "Eugen Onegin" (Regie: Krzysztof Warlikowski), Händels "Tamerlano" (Pierre Audi), Busonis "Doktor Faust" (Nicolas Brieger) und bei Verdis "Nabucco" (Yannis Kokkos), dem Saisontiefpunkt, passierte.

Relativ spät nahm daher die Staatsopern-Spielzeit mit einem Erfolgs-Tripel Fahrt auf. Zuletzt glückte Strauss' "Ariadne" als starkes, sängerisch herausragendes Saisonfinale (Regie: Robert Carsen). Zentrales Ereignis in den letzten Monaten war Mozarts "Idomeneo" zur Wiedereröffnung des Cuvilliés-Theaters (Dieter Dorn). Und für Henzes "Bassariden" ließ sich Christof Loy eine so einfache wie geniale szenische Lösung einfallen. Es war die Aufführung der Saison.

Die vielen höchstklassigen Besetzungen an der Staatsoper (Michael Volle, John Mark Ainsley, Catherine Naglestad, Adrianne Pieczonka oder Diana Damrau) untermauerten die Führungsstellung des Hauses auf diesem Gebiet. Und auch Ulrich Peters ist am Gärtnerplatz auf dem besten Weg, ein hervorragendes Ensemble um sich zu versammeln, das nur gelegentlich durch Gäste ergänzt werden muss. Zudem hat er mit Henrik Nánási einen Ersten Kapellmeister aus Augsburg mitgebracht, gegen den sich Chefdirigent David Stahl schon gehörig anstrengen muss.

Aber das kennt man ja auch vom großen Bruder: Kent Nagano ist (noch) nicht ganz ins Münchner Standard-Repertoire vorgedrungen. Ein Mozart-Dirigent ist er nicht unbedingt, ein Strauss-Maestro mit Abstrichen, ganz und gar nicht ein Tschaikowsky-Experte. Doch das Staatsorchester beginnt sich an seine lichten, strukturalistischen statt hochemotionalen Lesarten zu gewöhnen. "Analytisch" werden die gerne genannt, wobei unklar ist, ob damit nur das Image des GMD nachgebetet wird... Ob Nagano indes der richtige Mann für dieses Repertoire-Haus ist? Vor allem für einen Spielplan, der ja "mediterraner" werden soll, wie es Bachler immer wieder formuliert. Im Herbst soll verhandelt werden.

Die interessanteste Entwicklung der Spielzeit ist aber: Beide Häuser haben im erreichbaren Umkreis ihre Stellung als alleinige Qualitäts-Lieferanten verloren. "Schuld" daran ist etwa die Bayerische Theaterakademie. Deren Chef Klaus Zehelein hat zuvor Stuttgart zur wichtigsten Staatsoper Deutschlands geformt. Und von diesem Potenzial profitiert sein neues Institut. Das ist zwar primär Ausbildungsstätte, rückte aber mit dem Doppelabend "Gianni Schicchi/ What Next?" und Einar Schleefs Mozart-Variationen "Die Nacht" der Konkurrenz auf die Pelle. Vor allem die von Anna Viebrock betreute "Nacht" ist der schönste, poetischste Abend der Spielzeit. Eine Produktion, von der jene betörende, bescheidene Theatermagie ausgeht, die man an Max-Joseph- und Gärtnerplatz so oft vermisst hat.

Und auch aus Augsburg "droht" Konkurrenz. Dort ist nun Juliane Votteler Intendantin und beweist jenen Mut, der Staatsoper und Gärtnerplatz fehlte. Manches ging daneben, anderes glückte - aber aufregend, brisant war's immer. Das Beste also, was sich von Theater sagen lässt. Zusammen mit dem Tiroler Landestheater in Innsbruck, Brigitte Fassbaenders Sänger-Schmiede, in der sich gern auch szenische Glücksfälle ereignen, wurden die beiden Münchner Musentempel förmlich eingekreist. Die Monopolstellung ist dahin. Doch eine, nämlich die wichtigste Gruppe profitiert ja davon. Wir Besucher.

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