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Im Displaced-Persons-Lager Föhrenwald bei Wolfratshausen waren bis 1957 Überlebende des NS-Regimes untergebracht.  

Zwischenstation München

München - Das Jüdische Museum zeigt den Auftakt der Reihe „Juden 45/90. Von da und dort – Überlebende aus Osteuropa“.

Kleidung erfüllt seit jeher vielschichtige Funktionen. Warm halten soll sie und den gesellschaftlichen Status repräsentieren. Während des NS-Regimes wurden Juden mit einem sichtbaren Stern markiert und so ausgegrenzt. Als sie in der Nachkriegszeit diese Kleidung ablegten, brach eine neue Zeit an – es war ein erster Schritt zurück in ein Leben nach der Katastrophe. Die Überlebenden, jüdische Displaced Persons (DPs), ersetzten ihre Häftlingskleidung durch Uniformen der deutschen Soldaten. Ausgerechnet München wurde für zehntausende Flüchtlinge bis zum Ende der 40er-Jahre zu einer vorübergehenden Heimat. Die Ausstellungsreihe „Juden 45/90. Von da und dort – Überlebende aus Osteuropa“ im Münchner Jüdischen Museum widmet sich jetzt dieser Thematik und beleuchtet Einzelschicksale.

Erzählt wird ihre Geschichte auf einer ersten Ausstellungsebene anhand von Textilien. „Die Stücke haben wir zum Teil aus Sammlungen und von Privatpersonen zusammengetragen“, sagt Tamara Lewinsky, neben Jutta Fleckenstein die verantwortliche Kuratorin. Viele Exponate sind in Israel und den Vereinigten Staaten gefunden worden. Neun Kleidungsstücke weisen als Leitobjekte den Weg durch den ersten Stock. Es ist keine geradlinige Geschichte, die dort erzählt wird. Die Besucher bewegen sich durch ein Labyrinth, in dem stets der Blick auf die nächste Station verdeckt bleibt. Ein Konzept, das passt: Die jüdischen Flüchtlinge waren abhängig von der Besatzungspolitik der Alliierten, von Hilfsorganisationen und den internationalen politischen Entwicklungen. Sie wussten nicht, wie lange und unter welchen Bedingungen sie in den DP-Lagern ausharren mussten. Scheinbar wertlose Alltagsgegenstände gewinnen an Bedeutung durch die Erinnerungen, die damit verbunden sind. So wie ein unscheinbarer Metallkoffer. „Er wurde laut Familienaufzeichnungen 1949 als Kinderbadewanne verwendet“, erklärt Kuratorin Fleckenstein. Am Anfang der Schau wiederum steht ein abgegriffener Ledergürtel. Die vielen per Hand gestochenen Gürtellöcher verdeutlichen die bittere Wahrheit: Der Träger muss immer dünner geworden sein.

Das Leben der Displaced Persons in Deutschland war provisorisch. Dies soll sich auch in der Darstellung der Exponate widerspiegeln. Darum werden die Stücke in leicht zu transportierenden Kunststoffhüllen präsentiert.

Auf der zweiten Ausstellungsebene wird der Betrachter in das DP-Lager Föhrenwald geführt, das zwischen 1945 und 1957 in der heutigen Siedlung Waldram bei Wolfratshausen untergebracht war. Es existierte länger als alle anderen DP-Lager in Deutschland. „Anhand imaginärer Schnitte durch Häuser werden Einblicke in das Leben einzelner Familien gewährt“, sagt Detlef Weitz, verantwortlich für die Szenografie. Durch die Architektur sollen Räume geschaffen werden, in denen sich der Betrachter zugleich drinnen und draußen bewegt.

Sogar die Treppe zwischen den beiden Ebenen wird im Jüdischen Museum bespielt: Auf der linken Wand sind die Namen osteuropäischer Städte und Dörfer zu lesen, aus denen die Displaced Persons stammen, auf der rechten amerikanische Metropolen und Ortschaften in Israel, in denen sie sich eine neue Heimat aufbauten. „Mit dieser Ausstellung wird der Versuch unternommen, das Leben der Flüchtlinge dinglich erfahrbar zu machen. Das würden Fotografien niemals so eindrucksvoll hinkriegen“, so Kuratorin Lewinsky.

Sabine Krolitzki

Bis 17. Juni; Telefon 089/ 233 28 189; Katalog: 14,90 Euro.

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