Zwölf nachtschwarze Kapitel

München - Ursprünglich war die Antwort "Nein". Die Aufforderung, einen Teil zum 850. Jubiläum der Stadt München beizutragen, klang für Direktor Bernhard Purin und seine Kollegen im Jüdischen Museum geradezu zynisch.

Schließlich seien doch 400 dieser 850 Jahre die Münchner Juden vom Stadtleben ausgeschlossen, verfolgt und ermordet worden.

Doch auch in der Abwesenheit liegt Anwesenheit. Und gerade eine solche schmerzliche Leerstelle darf jetzt, nachdem die längste Phase der Gleichstellung von Münchner Juden und Christen gerade mal 63 Jahre andauert, nicht im öffentlichen Bewusstsein ignoriert werden, geschweige denn im ausgelassenen Jubiläumshokuspokus untergehen. Deswegen öffnet im Jüdischen Museum von morgen an - nicht weniger als elf Monate lang - ein etwas anderes München seine Tore: eine Ausstellungsstadt aus weißem Pressspan mit zwölf Schauplätzen, die ausnahmsweise nicht zum Feiern, sondern zum Nachdenken einladen.

"Stadt ohne Juden - Die Nachtseite der Münchner Stadtgeschichte": So sind die zwölf Stationen, einem Romantitel von Hugo Bettauer angelehnt, übertitelt. Doch glücklicherweise strahlt nicht die Ausstellungsarchitektur diese "Nachtseite" aus. Die Tragik aus Verleumdung, Vertreibung und der mehrmaligen Auslöschung der gesamten Jüdischen Gemeinde Münchens liegt allein in der Geschichte. Von der Umwandlung der Synagogen zu Kirchen während der Vertreibung Mitte des 15. bis ins 18. Jahrhundert zur Duldung der Juden als Geldgeber und dem Aspekt der jüdischen Taufe als "Entre Billet" fürs volle Bürgerrecht.

Von der Legende vom "ewigen Juden" Ahasver zum katholischen Antisemitismus. Von der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu einem Schild mit der Aufschrift "Juden in aller Welt bitte kehrt zurück, wenn Ihr wollt", das Rudolf Herz und Thomas Lehnerer 1990 an der Feldherrnhalle befestigten. Unsentimental und ohne überflüssige Worte zu verlieren, werden all diese Themen in zwölf ungewöhnlichen Exponaten, zwölf knappen Texten, zwölf eigenwillig hochformatigen "Videotafeln" und einem nachtschwarzen Katalog beleuchtet. Und zusätzlich zu dieser Schau wird das Jüdische Museum von Dezember an in drei kleineren Ausstellungen drei Fluchtorte der vertriebenen Juden vorstellen: Istanbul, Tel Aviv und Washington Heights.

Seit ihrer Gründung 1158 ist München eine Stadt mit Juden. Doch bereits 1285 ist als das erste Katastrophenjahr bekannt: Vor dem Vorwurf eines Ritualmordes werden die 68 bis 170 Juden in ihrer Synagoge verbrannt. Ihre Namen werden in ein Memorbuch der Jüdischen Gemeinde Nürnberg eingetragen, das heute als erste Station der Münchner Schau zu sehen ist. Ein Kupferstich von 1714 bebildert die zweite Station, den "Ritualmord-Vorwurf" von 1346. Er kann von Herzog Ludwig dem Bayer abgewendet werden.

Im Jahr 1349 jedoch wird die Jüdische Gemeinde unter der Beschuldigung des Hostienfrevels ein zweites Mal ausgelöscht, was ein ereignisreiches Simultangemälde von 1624 veranschaulicht. Schauplatz für das Gemälde wie den Videokommentar der Literaturhistorikerin Christine Mittlmeier ist das "Schwabinger Tor" am heutigen Odeonsplatz. Hier sollen sich Juden Hostien erkauft und an ihnen die Marter Christi neu vollzogen haben, woran später eine Salvatorkirche erinnern wird.

Die herausragende filmische Arbeit von sieben Studenten der HFF ist bei dieser Schau von besonderem Wert. Denn sie zeigt eindrücklich, wie man Geschichte aus ihrer eigenen Dramatik heraus, künstlerisch außergewöhnlich und (so die Lautsprecher noch etwas hochgeregelt werden, auch akustisch) gut verständlich und dokumentarisch inszenieren kann, ohne ein Betroffenheits-Gruselkabinett aus Experten vor schwarzen Wänden oder wiederbelebten Originalschauplätzen zu bemühen. Wie, wenn nicht so, klipp und klar, aber doch einnehmend bedeutungsvoll, könnten die fröhlichen Feierlichkeiten zum 850. Stadtgeburtstag durch ein wichtiges Schattenkapitel Stadtgeschichte komplettiert werden?

Bis 30. August 2009,

Di.-So. 10 bis 18 Uhr. Der Katalog kostet 12 Euro.

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