+
Schlägt mein Herz noch richtig? Nicht nur Senioren fürchten sich vor Krankheiten. Foto: Benjamin Ulmer

Angst vor Krankheiten - Gelassen bleiben und Experten fragen

Hier ein Wehwehchen, da eine Krankheit: Vor allem von Senioren heißt es, dass sie sich in ihre Leiden hineinsteigern. Dabei fürchten sich nicht nur Senioren vor Krankheiten. Und - egal wie alt - man kann gegensteuern.

Marburg (dpa/tmn) - Ist der dunkle Fleck auf meinem Arm Hautkrebs? Woher kommt das Stechen in der Seite? Wieso habe ich so starke Kopfschmerzen?

Manche Menschen neigen dazu, Veränderungen an ihrem Körper genau wahrzunehmen und unangenehme Empfindungen zu dramatisieren. Vor allem älteren Menschen wird nachgesagt, mehr in sich hineinzuhorchen. Woher kommt das? Und stimmt das überhaupt?

Dass sich Senioren - wie ein gängiges Vorurteil lautet - mehr in ihre Leiden hineinsteigern als andere Altersgruppen, kann Prof. Frieder R. Lang von der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen nicht bestätigen. Der Psychogerontologe sieht aber mit Sorge, dass ältere Menschen, die Angst vor Demenz haben, "nicht selten überreagieren". Er findet es bedenklich, wenn solche Ängste plötzlich alles überragen.

Wer häufig über körperliche Beschwerden klagt, muss nicht unbedingt an Krankheitsangst leiden. "Hinter dem Betonen von Symptomen kann auch der Ruf nach Aufmerksamkeit stecken", sagt Ursula Lenz von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO). Viele Ärzte berichteten von älteren Patienten, die regelmäßig in Ambulanzen und Praxen kommen, obwohl sie nicht ernsthaft krank sind - einfach, weil sie einen Ansprechpartner suchen.

"Hier ist es wichtig, die passive Lebenssituation zu durchbrechen", sagt Lenz. Sie empfiehlt Senioren, die sich nicht mehr richtig wahrgenommen fühlen, eine Aufgabe zu suchen, die sinnstiftend ist und Spaß macht. Beispielsweise sich um andere zu kümmern und jemanden regelmäßig im Heim besuchen. Neue Kontakte ließen sich etwa gut in einer Gymnastik- oder Wandergruppe knüpfen, auch eine ehrenamtliche Tätigkeit eigne sich gut.

Wer Ängste vor bestimmten Krankheiten hat, sollte mit einem Experten darüber sprechen, rät Lang. Denn es kursierten viele falsche Vorstellungen von Krankheiten, insbesondere was die Frühsymptome von Demenz betrifft. "Wer das richtige Wissen hat, kann gezielt und frühzeitig fachärztliche Hilfe aufsuchen und dort Dinge erfahren, die möglicherweise beruhigend sind", erklärt der Psychogerontologe.

Denn wenn man sich auf Symptome fokussiert und gleichzeitig annimmt, dass etwas Schlimmes dahintersteckt, steigen die Beschwerden. Das kann Gaby Bleichhardt bestätigen, die an der Philipps-Universität Marburg das Thema Krankheitsangst erforscht.

Wie die psychologische Psychotherapeutin erläutert, sind die Ursachen der Angst vielfältig und häufig biografisch zu erklären: "Viele Betroffene hatten ängstliche Eltern und neigen daher dazu, immer das Schlimmste anzunehmen. Oft hat in ihrer Geschichte auch Krankheit eine besondere Rolle gespielt, zum Beispiel, dass die beste Freundin früh an Brustkrebs gestorben ist oder dass sie selber schon einmal eine Fehldiagnose bekommen haben."

Bleichhardt rät Krankheitsängstlichen aller Altersgruppen, körperliche Vorgänge, Gedanken und Gefühle zunächst zu beobachten und zu versuchen, Zusammenhänge herzustellen. Die meisten körperlichen Beschwerden seien nicht Ausdruck schwerer körperlicher Erkrankungen, sondern harmlose Kennzeichen dafür, dass der Körper "am Leben ist".

Wer Angst hat, solle Beschwerden medizinisch abklären lassen, sagt Bleichhardt. Wenn man allerdings dieselbe Untersuchung mehrfach wiederholen will, obwohl bei den vorherigen Malen nichts Bedenkliches gefunden wurde, könne das ein Zeichen dafür sein, dass die Diagnose einer hypochondrischen Störung vorliegt.

Über Hypochonder, die sich in ihre Leiden hineinsteigern, werden gerne Witze gemacht. Doch die Betroffenen leiden wirklich. Zwar nicht an der Krankheit, die sie sich zuschreiben, aber an der Angst und ihren Folgen.

Betroffenen, bei denen diese Angst länger als ein halbes Jahr andauert und deren allgemeine Lebensführung stark beeinträchtigt ist, rät Bleichhardt zu einer Psychotherapie. Hier lernen Patienten, ihre körperlichen Vorgänge besser zu verstehen und Ängste besser zu bewältigen. Insbesondere eine kognitive Verhaltenstherapie sei sehr wirksam.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Gültigkeit der Nichtveranlagungsbescheinigung prüfen
Wegen eines zu geringen Verdienstes sind viele Bundesbürger von der Einkommenssteuer befreit. Das Gehalt wird mit vorhandenen Kapitalerträgen addiert. Bleibt man …
Gültigkeit der Nichtveranlagungsbescheinigung prüfen
Wie richte ich mir eine Bitcoin Wallet ein?
Um mit Bitcoin handeln zu können, brauchen Anleger erst eine sogenannte Bitcoin Wallet, eine digitale Geldbörse. Wie Sie die bekommen, erfahren Sie hier.
Wie richte ich mir eine Bitcoin Wallet ein?
Bekommt man in der Elternzeit Weihnachtsgeld vom Arbeitgeber?
Alle Jahre wieder darf sich manch ein Arbeitnehmer auf einen satten Weihnachts-Bonus freuen. Doch wie sieht es aus, wenn man gerade in Elternzeit ist?
Bekommt man in der Elternzeit Weihnachtsgeld vom Arbeitgeber?
Tarif, TVöD & Co.: Wie viel Weihnachtsgeld erhalte ich 2018?
Bald darf sich manch ein Arbeitnehmer auf Weihnachtsgeld freuen. Doch gibt es finanzielle Unterschiede in den einzelnen Branchen? Bei Gewerkschaft oder Tarifvertrag?
Tarif, TVöD & Co.: Wie viel Weihnachtsgeld erhalte ich 2018?

Kommentare