+
Bankkunden zahlen wo sie eigentlich sparen wollen und erleben einen Zinstief. Die Ökobank GLS bietet eine Alternative. Foto: Frank Rumpenhorst

Banken in der Zinsfalle: Die Branche bittet Kunden zur Kasse

Die Zinsen in Europa sind abgeschafft. Sparen wird kaum noch belohnt. Zahlen Bankkunden nun auch noch mit höheren Gebühren oder gar Strafzinsen die Zeche? Viele Institute haben bereits reagiert. Nun wagt sich ein Nischenanbieter mit einem neuen Modell aus der Deckung.

Frankfurt/Main (dpa) - Strafzinsen, Überweisungsgebühr, "Solidarbeitrag" - Bankkunden bekommen die Folgen des Zinstiefs zu spüren. Die Ökobank GLS erklärt, wie ihre Kunden künftig dazu beitragen können, auch in Zeiten niedriger Zinsen und sinkender Erträge das Geschäft in der Nische aufrechtzuerhalten.

Warum dreht die Finanzbranche an der Gebührenschraube?

Banken verdienten lange gut daran, für Kredite mehr Geld zu kassieren als sie ihren Kunden an Zinsen fürs Sparen zahlten. Doch die Differenz aus beiden Positionen, der Zinsüberschuss, wird kleiner, weil die Europäische Zentralbank (EZB) das Zinsniveau extrem gesenkt hat. "Alle Empfehlungen, diese Ertragsquelle durch höhere Provisionserträge auszugleichen, sind ... nicht umsetzbar", sagt der Chef der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), Herbert Hans Grüntker. Sorge bereitet den Instituten zudem, dass immer mehr Kunden Gelder kurzfristig parken - während bei Krediten möglichst lange Laufzeiten gefragt sind.

Ist ein Ende des Zinstiefs absehbar?

Nein. Anfang Juni stimmte EZB-Präsident Mario Draghi die Finanzmärkte erneut auf eine lange Phase extrem niedriger Zinsen ein. Erst im März hatten die Währungshüter den Leitzins erstmals auf null Prozent gesenkt. Zudem flutet die Notenbank die Märkte bis mindestens März 2017 über Anleihenkäufe mit Geld - und nimmt auf diesem Feld Banken Geschäft weg. Die EZB will mit dem vielen billigen Geld Konjunktur und Inflation anheizen, doch das fruchtet bisher nicht wie erhofft.

Profitieren Banken nicht vom niedrigen Leitzins?

In der Tat kostet Notenbankgeld die Banken nichts mehr. Allerdings sind sie gezwungen, das billige Geld auch weiterzureichen und mit Krediten die Wirtschaft anzuschieben. Denn für überschüssige Liquidität, die bei der EZB geparkt wird, verlangt die Notenbank inzwischen 0,4 Prozent Strafzinsen. Doch die Kreditvergabe stockt, viele Mittelständler gerade in Deutschland haben genug eigene Reserven oder halten sich wegen der unsicheren Lage auf den Weltmärkten mit Investitionen zurück.

Ist das Zinstief die einzige Herausforderung für Banken?

Nein. Die Branche muss immer strengere Auflagen der Regulatoren erfüllen - das treibt die Personal- und Kapitalkosten in die Höhe. Und dann gilt es auch noch, den digitalen Wandel zu schaffen: Viele Kunden erledigen ihre Bankgeschäfte online, die klassische Filiale ist immer weniger gefragt. Darauf müssen Banken reagieren - und sehen sich dabei zusätzlich von jungen Fintechs getrieben, die mit schnellen Lösungen den etablierten Häusern Konkurrenz machen.

Wie lautet die Antwort der Finanzbranche?

Viele Institute drehen an der Gebührenschraube. Die Zeiten des kostenlosen Girokontos seien vorbei, verkündete Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon im März und stimmte Kunden auf höhere Gebühren ein. Die Sparda-Banken kündigten Preissteigerungen "auf breiter Front" an - etwa für Dienstleistungen wie Überweisungen in Papierform oder die Girocard. Die Postbank mit ihren 14,3 Millionen Kunden kassiert bereits seit einem Jahr 99 Cent für Überweisungen, die nicht online ausgeführt werden. Dazu zählen auch Scheckeinreichungen. Etliche Sparkassen lassen es sich unter anderem teuer bezahlen, wenn Kunden Münzgeld am Schalter einzahlen wollen.

Was genau macht die GLS Bank?

Das Bochumer Institut kündigte Anfang Februar an, absehbar einen monatlichen Grundbeitrag von ihren Kunden und Mitgliedern erheben zu wollen - also einen Beitrag, der nicht an eine bestimmte Dienstleistung gekoppelt ist. "Wir fragen uns schon seit einem Jahr: Ist der Kunde bereit, für Infrastruktur, Beratung etc. einen Grundbeitrag monatlich zu zahlen?", erklärte der Chef von Deutschlands größter Alternativbank, Thomas Jorberg. Es sei "eine Grundbereitschaft da, einen Mitgliedsbeitrag zu zahlen, damit die GLS Bank ihre Arbeit, so wie sie sie bisher macht, weitermachen kann".

Müssen Privatkunden auch mit Strafzinsen auf Ersparnisse rechnen?

Noch scheut die Branche davor zurück. "Es ist der Anspruch, Privatkunden weitestgehend vor den Folgen der Negativzinsen zu verschonen", betonte Anfang Juni Helaba-Chef Grüntker, zu dessen Konzern die Frankfurter Sparkasse gehört und damit die nach Bilanzsumme viertgrößte Sparkasse Deutschlands. Im Lager der Volks- und Raiffeisenbanken wird ebenfalls diese Linie gefahren. Es gibt allerdings vereinzelte Ausnahmen - wenn auch nur für reiche Kunden.

Wie sieht es bei Unternehmenskunden aus?

An Firmenkunden und Profianleger wie Versicherungen und Pensionsfonds gibt die Branche die höheren Kosten längst weiter. Häuser wie Commerzbank oder Helaba handeln mit Großkunden individuelle Lösungen aus. "Nullzins auf einem täglich verfügbaren Konto ist ein subventionierter Zins", hatte der zum 1. Mai abgelöste Commerzbank-Chef Martin Blessing den Schritt begründet.

GLS zur Bilanz des Jahres 2015

Zahlen und Fakten GLS Bank

Historie GLS Bank

Zeitreihe Leitzinsen der EZB

EZB Kaufprogramme

Statistisches Bundesamt zu Inflation

Preisverzeichnis Skatbank

Girokonto-Vergleich FMH Finanzberatung

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Darum gehören Jeans auf keinen Fall in die Waschmaschine
Vermutlich hat jeder seine Jeans schon mal in die Waschmaschine gesteckt - wie soll sie sonst sauber werden? Dabei ist es völlig unnötig und schadet sogar der Optik.
Darum gehören Jeans auf keinen Fall in die Waschmaschine
Darum sollten Sie niemals Ihr Handy neben dem Bett aufladen
Nach einem langen Tag auf Facebook, Instagram & Co. meldet das Handy oftmals Akku-Notstand. Viele laden es dann über Nacht wieder auf. Doch Experten warnen davor.
Darum sollten Sie niemals Ihr Handy neben dem Bett aufladen
Nur jede zweite Gerätebatterie wird recycelt
1998 wurden in Supermärkten die ersten Boxen zum Recycling von Altbatterien aufgestellt. Doch dort landet nur knapp die Hälfte des Mülls. Warum bringen Verbraucher nicht …
Nur jede zweite Gerätebatterie wird recycelt
Welche Ausgaben mit der Einschulung auf Eltern zukommen
Kleine Kinder, kleine Sorgen - große Kinder, große Sorgen. Dieses Sprichwort lässt sich auch auf andere Bereiche übertragen. Zum Beispiel auf die Ausgaben. Mit der …
Welche Ausgaben mit der Einschulung auf Eltern zukommen

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.