Im Interview spricht „kibs“-Leiterin Ulrike Tümmler-Wanger über sexuellen Missbrauch, seine Folgen – und Hilfe für Betroffene

„Das Leiden der Buben findet im Verborgenen statt“

München – Rund 300 000 Kinder werden in Deutschland jährlich missbraucht. Etwa ein Viertel davon sind Buben. Angezeigt wird aber nur ein Bruchteil dieser Fälle. „Jungs können ja keine Opfer sein, heißt es dann oft. Leider ist dieses veraltete Bild immer noch in vielen Köpfen verankert“, warnt Ulrike Tümmler-Wanger, Leiterin der Beratungsstelle „kibs“, im Interview mit unserer Zeitung.

- Sexueller Missbrauch an Buben ist bis heute ein Tabu-Thema. Wenn sich die Kinder und Jugendlichen aber kaum jemandem anvertrauen – woran merkt man dann, dass mit ihnen etwas nicht stimmt?

Zugegeben: Das Leiden der Buben findet oft im Verborgenen statt. Doch paradoxerweise äußerst sich das in gewissen Auffälligkeiten, die zunächst einmal nichts mit diesem Leiden zu tun haben. Die Buben werden zum Beispiel oft sehr aggressiv. Und deshalb denkt man nicht unbedingt daran, dass sie ein Problem haben, sondern vielmehr Probleme machen. Aber: Sie tun das alles nur, um bloß nicht Opfer zu sein.

- Man denkt also erst einmal: Mein Gott, was für ein rebellisches Kind . . .

Ulrike Tümmler-Wanger leitet die Beratungsstelle „kibs“ in München.

. . . dabei sollte es für Fachkräfte, aber auch für Eltern selbstverständlich werden, bei einer Verhaltensänderung eines Buben generell aufmerksam zu werden – und stets einen möglichen Missbrauch in Betracht zu ziehen. Sexueller Missbrauch heißt ja nicht automatisch Vergewaltigung. Er beginnt schon beim Anfassen und Berühren von Körperteilen. Jemand macht etwas mit mir, was ich nicht will. Wenn man sich die Zahlen genauer anschaut, heißt das übersetzt: In jeder Klasse sitzt womöglich ein Bub, der betroffen ist. So eine Statistik ist mehr als alarmierend.

- Wie können Opfer von sexueller Gewalt Kontakt zu Ihnen aufnehmen?

Per Mail oder per Telefon. Vor allem Jungs tun sich ja schwer damit, sofort in die Beratungsstelle zu kommen und zu sagen: „Ich brauche Hilfe.“ Meistens – außer bei der Online-Beratung – melden sich ohnehin eher Bezugspersonen der Betroffenen bei uns und vereinbaren einen Termin für ein persönliches Gespräch.

- Wen konkret meinen Sie mit „Bezugspersonen“?

Bei den jüngeren Buben, so bis elf, kommen meist die Mütter auf uns zu. Schon der Verdacht eines sexuellen Missbrauchs stürzt ja das gesamte Umfeld der Betroffenen in die Krise: also die Eltern, die Geschwister, aber auch die Freunde . . .

- Und bei den Älteren?

Bei den älteren Buben, zwischen zwölf und 17 Jahren gestaltet sich die Kontaktaufnahme tatsächlich schwieriger. Die versuchen ja immer das Gefühl zu vermitteln: „Das war o.k. Ich pack’ das schon. Ich komme damit allein klar.“ Wir müssen dann schon kreativ sein, um diese jungen Männer mit unseren Angeboten zu erreichen.

- Wie machen Sie das?

Wir haben beispielsweise nicht die Erwartung, dass sie unbedingt in die Beratungsstelle kommen müssen. Wir treffen uns oft an Plätzen mit ihnen, die sie selbst vorschlagen, etwa in einem Fastfood- Restaurant oder in einem Café. Das ist für sie dann unverfänglicher. Und bei den Gesprächen vermitteln wir ihnen stets das Gefühl, dass sie die Inhalte selbst bestimmen können. Wir quetschen sie also nicht aus, wir machen keinen Druck. Denn unsere Erfahrung in den vergangenen zehn Jahren, seit es „kibs“ gibt, hat gezeigt, dass es vor allem bei den älteren Buben ein bisschen länger dauert, bis sie sich überhaupt auf Hilfe einlassen können.

- Das heißt, Sie müssen erst einmal eine Beziehung zu Ihnen aufbauen?

Ja, wir spielen erst einmal Kicker mit ihnen, um auf sie einzugehen. Wir versuchen es mit Musiktherapie – da steht erst einmal das Musikhören im Vordergrund. Die Bereitschaft zum Reden wächst ja im Lauf der Therapie. Es klingt vielleicht ein bisschen banal, aber am Anfang steht immer eine Aktivität – und danach kommt der Austausch von Befindlichkeit.

- Was lernen die Betroffenen durch die Angebote von „kibs“?

Besonders wichtig ist, dass jeder von ihnen wirklich realisiert: „Ich bin nicht allein als männliches Opfer.“ Das ist eine ganz große Erleichterung für jeden Buben.

bn

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