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Worte zu finden ist manchmal sehr, sehr schwer: Ulrike Tümmler-Wanger (r.), Leiterin der Beratungsstelle „kibs“, in einem Gespräch mit einem missbrauchten Buben und dessen Mutter.

Die dunkle Seite eines vertrauten Menschen

München - Mit der Spendenaktion „Der Merkur hilft Kindern“ fördert unsere Zeitung soziale Projekte des Kinderschutz e.V. Eines dieser Projekte ist „kibs“: eine Beratungsstelle für sexuell missbrauchte Buben und deren Familien. 

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Seine Finger zitterten, als sie die Computertastatur berührten. Und Tobi (Name geändert) – er zögerte erneut. Sollte er diese Mail wirklich schreiben? Er überlegte noch einmal. Sekunden vergingen. Dann tippte er los. „Hallo kibs! Ich bin 13 Jahre alt. Und ich bräuchte dringend Tipps. Aber wie soll ich das am besten erklären . . . ?“

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Es dauerte Stunden, bis er „es“ erklärt hatte. Immer wieder löschte Tobi die Zeilen. Die Sache mit seinem Stiefvater – es war ja auch so peinlich! Was, wenn ihm niemand glauben würde? „Stellt Euch mal vor, der Stiefvater geht mit seinem Stiefsohn gemeinsam duschen und seift ihn ein – überall!“, tippte Tobi. „Und dann muss der Sohn es auch bei seinem Vater machen. Ist das . . . ? Das ist doch nicht in Ordnung, oder?“ Dann schloss Tobi die Augen – und klickte auf „Senden“. Einen Augenblick später ging sein Hilferuf bei „kibs“ ein, einer Beratungsstelle für sexuell missbrauchte Buben und deren Familien in München.

Hier kommen Ihre Spenden an:

Kinderschutz e.V.

Acht Jahre sind seit jenem Septembertag vergangen. Tobi ist inzwischen ein junger Mann. Vor kurzem erst feierte er seinen 21. Geburtstag. Die dunklen gewellten Haare trägt er heute ein bisschen länger als damals. Seine Jeans hat er längst gegen eine Anzughose getauscht. Er ist Versicherungskaufmann, „und ich bin ziemlich gut“, sagt er und grinst dabei. Sobald Tobi anfängt zu lachen, bilden sich sofort kleine Fältchen um seine braunen Augen. Doch wenn er dann von früher spricht, verfinstert sich sein Blick plötzlich. „Es war die Hölle für mich“, sagt er mit belegter Stimme und presst die Lippen aufeinander. „Ohne kibs wäre ich wahrscheinlich nicht rausgekommen.“

Tobi hatte eine „sauharte Kindheit“. Doch das wissen die wenigsten – selbst seine Freundin kennt nur Bruchstücke aus dieser Vergangenheit. Als Tobis Mutter schwanger wird, haut sein Vater ab. Nach Tobis Geburt fängt die Mutter an zu trinken, häuft Schulden an – und irgendwann bricht sie zusammen, kommt ins Krankenhaus. Und Tobi kommt zu seiner Tante. Er ist drei Jahre alt. Er vermisst seine Mutter. Monate vergehen, dann, ganz langsam, geht es wieder bergauf. Die Mutter macht einen Entzug, eine Psychotherapie, und dann lernt sie sogar einen Mann kennen. Tobi, inzwischen fast fünf, findet ihn „echt cool“ – endlich ein Vater, endlich eine Familie.

Zunächst läuft „alles ganz normal“, erzählt Tobi: Kindergarten, Grundschule, Spielplatz, Fußball, Ausflüge am Wochenende. „Was man halt als Kind so macht.“ Doch als er elf wird, fangen die Streitereien an.

Der Stiefvater meckert ständig herum: „Du kommst zu spät. Du hast Dein Zimmer nicht aufgeräumt. Du machst immer nur Chaos.“ Tobi wehrt sich, der Stiefvater schlägt zurück. „Wer schon mal einen Gürtel auf nackter Haut gespürt hat, der versteht mich vielleicht“, schreibt Tobi später in ein Tagebuch. Sein Körper ist voll mit blauen Flecken und Wunden. Doch Tobi traut sich nicht, ein Wort zu sagen. Was, wenn jemand davon erfährt? Was, wenn der Stiefvater geht? Dann hat Tobi wieder keine Familie. Und seine Mutter, vielleicht fängt sie erneut an zu trinken? Tobi schweigt. Aber so weitermachen kann er trotzdem nicht mehr. Schon gar nicht, als sein Stiefvater auch noch plötzlich anfängt, mit ihm zu duschen, ihn überall anzufassen – und Tobi zu nötigen, das Gleiche bei ihm zu machen. „Ich wusste nicht mehr weiter. Deshalb suchte ich nach Hilfe im Internet. Dort stieß ich auf kibs. Und dann tippte ich meine erste E-Mail.“

Trotzdem dauert es noch ziemlich lange, bis sich Tobi wirklich öffnen kann. Ein Berater ermutigt ihn immer wieder dazu: „Ich möchte Dich unterstützen. Uns werden bestimmt Möglichkeiten einfallen, dass es Dir wieder besser geht. Ich bin da und höre Dir zu“, schreibt er Tobi.

Irgendwann findet Tobis Stiefvater eine ausgedruckte E-Mail von „kibs“. „Er ist ausgeflippt“, erinnert sich Tobi. „Er hat getobt und mich angebrüllt, mir gedroht, mich windelweich zu schlagen.“ Die Mutter sitzt daneben. Sie ist stumm. „Es war wahrscheinlich zu viel für sie“, sagt Tobi. Nach Stunden kommt sie in Tobis Zimmer, nimmt den Buben in den Arm, streichelt sanft über seinen Kopf. „Es tut mir so leid“, flüstert sie, dann weint sie leise vor sich hin. Tobi fühlt sich erleichtert. Zum ersten Mal seit langer Zeit. Kurz darauf schmeißt die Mutter den Stiefvater raus.

Tobi sieht seinen Stiefvater nie wieder. Er weiß, dass es eine Gerichtsverhandlung gab – und er weiß auch, dass der Vater verurteilt wurde. „Aber ich wollte mich nicht mehr mit ihm befassen“, sagt er heute. Seine Stimme klingt leise, fast schon matt.

Jahrelang war Tobi in Therapie, auch seine Mutter brauchte psychologische Hilfe. Inzwischen kann er „ganz gut damit umgehen“. Aber vergessen? „Nein, so etwas vergisst man nie.“ Vor kurzem hat er eine Reportage gesehen über missbrauchte Buben. Danach legte er sich ins Bett – und weinte wie ein Kind. Stundenlang.

BARBARA NAZAREWSKA

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