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„Menschen stellen sich durch Musizieren aufeinander ein“: Christine Faltenbacher mit zwei Mädchen beim Trommeln.

Einfach nur trommeln, wenn die Sprache versagt

München - Beim Musik-Projekt „Taktvoll lernen“ finden Kinder aus sozial schwachen Familien ihre ganz persönliche Ausdrucksweise

Trommeln? Ja, natürlich wollte Lisa (Name geändert) trommeln! Aber sie konnte das nicht so sagen. Sie traute sich nicht. Wenn sie daheim etwas sagte, brüllte ihre Mutter sie nur an – und deshalb schwieg Lisa am liebsten. Doch Christine Faltenbacher wollte Lisa nicht schweigen lassen. „Macht Dir das Trommeln denn Spaß?“, fragte die Musikpädagogin. Und Lisa, ein achtjähriges Mädchen mit dunklen Schneckchenlocken, nickte ganz vorsichtig. Es war ein stummes: „Ja.“

Mehr als drei Monate sind seit diesem Tag vergangen – seit Mitte September kommt Lisa jeden Freitagnachmittag in die Tagesheimschule an der Keilberthstraße im Münchner Norden. „Taktvoll lernen“ heißt das Musik-Projekt vom Kinderschutz e.V. – und zwölf Kinder zwischen sieben und zehn Jahren machen mit. Es sind Kinder wie Lisa, die aus sozial schwachen Familien stammen, in denen am Monatsende nicht einmal Geld für eine warme Mahlzeit übrig bleibt. In denen sich die Eltern für die schlechten Noten ihrer Kinder kaum interessieren, weil sie ihre eigenen Probleme haben: Alkohol, Drogen, Schulden. „In Klassen mit mehr als 25 Schülern kann eine Lehrkraft nicht immer auf individuelle Probleme einzelner Kinder eingehen“, sagt Faltenbacher. Und genau an dieser Stelle komme das Musik- Projekt ins Spiel: „Menschen stellen sich durch gemeinsames Musizieren aufeinander ein. Es ist nötig, sich anzupassen, miteinander zu spielen – und aufeinander zu hören.“

Ein Verhalten, das die meisten „Problemkinder“ erst lernen müssen – weil sie es von zu Hause nicht kennen. Auch für Lisa war vieles am Anfang ganz neu. Ihre Mutter ist alleinerziehend und lebt von Hartz IV. Lisa hat noch drei ältere Brüder, einer ist seit kurzem vorbestraft: Diebstahl und schwere Körperverletzung. Familie heißt für Lisa Pizza essen vorm Fernsehen und viel Streit. „Bei uns wird ganz oft geschimpft“, sagt sie und blickt dabei zu Boden. Hier sei das anders. Dass Frau Faltenbacher „so total nett“ zu Lisa ist, findet das Mädchen „wirklich ganz toll“.

Und Faltenbacher findet, dass Lisa in den vergangenen Wochen viele Fortschritte gemacht hat: „Sie blüht beim Trommeln richtig auf, saugt alles auf wie ein kleiner Schwamm.“ Lisa ist die Jüngste im Kurs – und sie macht trotzdem immer mit. „Ich bin sehr stolz auf sie“, sagt Faltenbacher und lächelt, während Lisa trommelt.

Faltenbacher arbeitet gern mit Kindern, die es „nicht so einfach“ haben. „Musik kann Menschen berühren, wo die Sprache versagt“, sagt sie. Das sei vor allem für Kinder mit Migrationshintergrund ein großer Vorteil: „Sie können dann mit ihren Schulkameraden etwas gemeinsam machen – selbst wenn sie die deutsche Sprache nicht besonders gut beherrschen.“

Das Musik-Projekt wird mit Spenden finanziert. Ohne dieses Geld müsste man es wieder einstellen. Faltenbacher will über eine solche Möglichkeit „erst gar nicht nachdenken“. Was wird dann aus „unseren Kleinen“? Und: Was wird aus Lisa?

Es ist kurz vor 15 Uhr an diesem kalten Freitagnachmittag – und Lisa trommelt immer noch. In wenigen Minuten ist „ihre“ Stunde vorbei. Dann wird sie heimgehen. Zu Hause wird der Fernseher laufen und ihre Brüder werden sich – wahrscheinlich – wieder streiten. Am liebsten würde Lisa noch ein bisschen bleiben. Aber das geht ja nicht. Also nimmt sie ihren kleinen Rucksack in die Hand und sagt: „Tschüss, bis nächsten Freitag dann!“ Sie freut sich schon jetzt darauf. „Das Trommeln, also wenn es das nicht mehr geben würde, ich glaube, dann wäre ich total traurig“, sagt Lisa und schlurft langsam zur Tür.

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