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Immer öfter suchen junge Menschen Rat bei der „kids hotline“ im Internet – und alle wollen unerkannt bleiben.

Der Merkur hilft Kindern

Erste Hilfe aus dem Internet

München - Mit der Spendenaktion „Der Merkur hilft Kindern“ fördert unsere Zeitung soziale Projekte des Kinderschutz e.V. Eines dieser Projekte ist die „kids hotline“: eine kostenlose Beratungsstelle im Internet für verzweifelte Kinder und Jugendliche aus der Region. 

Der Überweisungsträger zum Download

Ihren richtigen Namen verriet sie nicht. Sie nannte sich „Hope and Love“ – also Hoffnung und Liebe. Und sie suchte nach Hilfe: „Ich habe seit einiger Zeit ein Problem“, schrieb sie im Online- Forum der „kids hotline“. „Ich verletze mich regelmäßig selbst.“ Nachfolgend das Protokoll einer Beratung im Netz.

„Hope and Love“: Hallo. Ich bin hier ganz neu. Ich habe seit einiger Zeit ein Problem. Ich verletze mich regelmäßig selbst. Es gibt Monate, wo ich mich kaum oder gar nicht verletze. Und dann kommen wieder welche, wo ich es sehr stark mache und auch täglich. Ohne immer den genauen Grund zu kennen. Ich mache das nun seit fünf Jahren und schaffe leider keinen Absprung. Oft kann ich es nicht verbergen und muss mir Lügen ausdenken, wenn andere fragen, woher die Wunden an meinen Armen kommen. Gestern hatte ich wieder so einen starken Drang, es zu tun. Deshalb habe ich beschlossen, mich hier anzumelden, weil ich gern eure Tipps hätte. Es wäre super lieb, wenn jemand Zeit für eine kurze Antwort hätte!

Larissa von „kids hotline“: Hallo „Hope and Love“! Schön, dass du den Mut gefunden hast, dich hier zu öffnen – das ist der erste Schritt in Richtung Besserung. Das heißt ja, dass du bereit bist, wirklich etwas zu ändern! Du hast geschrieben, dass es Zeiten gibt, wo du dich nur sehr selten oder auch gar nicht verletzt, andere, wo du es sehr häufig tust. Was meinst du, woran liegt das jeweils? Wenn du mal diese beiden Zeitspannen vergleichst (also eine mit einem großen Drang nach Selbstverletzung und eine, in der du kaum das Bedürfnis hast), wo liegt da der Unterschied?

Partner der Aktion "Der Merkur hilft Kindern"

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Ich kann mir gut vorstellen, dass es viel Kraft kostet, so ein Verhalten wieder abzulegen. Wenn man so will, kann man das mit einer Sucht nach Drogen zum Beispiel vergleichen: Anfangs hat es dir ein gutes Gefühl gegeben und geholfen in schwierigen Situationen. Und jetzt hat sich dein Körper schon so daran gewöhnt, dass du einfach nicht mehr aufhören kannst. Und natürlich – davon loszukommen braucht viel Energie und Willensstärke!

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Aber ich bin mir sicher, dass, wenn man die hat und es wirklich, wirklich will, dann schafft man es, die Sucht zu überwinden! Was ist das für ein Hass gegen dich selbst, den du spürst? Ist der immer da oder meinst du damit einfach nur, dass du wütend oder enttäuscht von dir bist, wenn du dann doch nachgibst und ritzt?

Morgen um 18 Uhr gibt es übrigens einen Chat zum Thema Selbstverletzung. Solche Themenchats sind immer schön, weil man mit vielen Usern gleichzeitig schreiben kann, die ähnliche Probleme haben – und oft auch Tipps und Tricks. Ich werde auch da sein, um mit allen Teilnehmern darüber zu sprechen. Schau’ doch vorbei!

„Hope and Love“: Ganz ehrlich: Von den Chats halte ich mich fern. Ich bin die Rückschläge und das Hin und Her ja gewöhnt. Und kann damit auch langsam umgehen. Zurzeit läuft es ohnehin ganz gut, ich habe zwar öfter das Verlangen zu ritzen, kann jedoch meistens widerstehen. Einmal hat es leider nicht geklappt, da habe ich mir meine Hand absichtlich gebrochen, aber das war die Verzweiflung. Mein Freund hat mich betrogen und mein Vater lag im Krankenhaus wegen Krebs.

Der gemeinsame Chat, den wir vor einigen Wochen hatten, hat mich auch etwas aus der Bahn geworfen, weil ich tausende Tipps lesen konnte, aber sie mir nicht halfen. Außer vielleicht das Thema mit der Therapie, aber ich weigere mich, eine zu machen! Ich möchte das selbst schaffen. Bei einer Therapie würden meine Eltern es merken und das würde mein Papa nicht verkraften . . .

Ich habe akzeptiert, dass man sich im Leben zusammenreißen muss und für manche Leute funktionieren muss, damit sie wenigstens glücklich sind.

„Hope and Love“ hat noch einen langen Weg vor sich, sagen die Berater von „kids hotline“. Schließlich ritzt das Mädchen seit vielen Jahren. Aber: Sie hat die ersten wichtigen Schritte schon jetzt gemacht: Sie konnte sich anvertrauen – und spricht nun über ihre Gefühle. Derzeit geht es in der Beratung vor allem darum, mit „Hope and Love“ über eine mögliche Aufnahme in eine Therapie zu sprechen, die sie bislang allerdings ablehnt. Die Berater wollen sie weiter dabei unterstützen, aus der Sucht herauszukommen.

Dokumentation: Barbara Nazerewska

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